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Liebe in Zeiten des heißen Krieges

„Abteil 6“ des finnischen Regisseurs Juho Kuosmanen sollte, obwohl in Cannes 2021 preisgekrönt, gar nicht in unsere Kinos kommen. Ein Film, über die Annäherung zwischen einer Finnin, die in Moskau Archäologie studiert und einem Russen, der zur Arbeit nach Murmansk ins Bergwerk fährt, um Geld für sein eigenes Unternehmen zu verdienen, geht in Zeiten des russischen Überfalls auf die Ukraine gar nicht, dachten die Aktivisten der cancel culture. Zum Glück setzten sie sich nicht durch und wir können zumindest in den kleinen Kinos den wohl schönsten Film, der in den letzten Jahren gedreht wurde, sehen. Wir hätten die talentierte Seidi Haarla und den hinreißenden Yuriy Borisow verpasst und die eindrücklichen Bilder russischer und karelischer Landschaft neben den Schienen.

Die Geschichte ist ein auf die Schienen verlegtes Roadmovie. Laura, die finnische Studentin, die unglücklich in die schöne, flatterhafte Mitstudentin Irina verliebt ist, macht sich auf nach Murmansk, um dort die erst 1997 entdeckten Petroglyphen, steinzeitliche Felsenmalereien auf einer Inseln im Konozerosee, zu betrachten. Inzwischen sind 1300 Bilder entdeckt worden, die bisher noch nicht entschlüsselt werden konnten.

Laura und Ljoscha, die im Abteil 6 des Zuges von Moskau über St.Petersburg nach Murmansk aufeinandertreffen müssen sich auch entschlüsseln. Sie können scheinbar nicht unterschiedlicher sein. Ljoscha ist am Anfang das Bild eines ungehobelten, besoffenen jungen Mannes, der laut und übergriffig ist. So sehr, dass Laura entsetzt aus dem Abteil flieht und die Zugbegleiterin anfleht, ihr ein anderes zuzuweisen. Die kann oder will ihr nicht helfen, also muss Laura ihren unerwünschten Reisebegleiter ertragen.

Warum Kuosmanen die Figur des Ljoscha so negativ überzeichnet hat, wäre meine einzige kritische Frage, denn schon bald stellt sich heraus, dass hinter der ruppigen Schale ein sensibler Kern steckt. Das hätte man schon ahnen können, als er Laura förmlich zwingt, das Schneetreiben vor dem Fenster zu bewundern. Warum sie ihren Rucksack mitgenommen hätte, als sie in St. Petersburg telefonieren ging, wollte Ljoscha wissen. Ob sie glaube, dass er sie bestehlen, er sagt abziehen, wolle? Beklaut wird sie später von einem finnischen Mitreisenden, dem sie einen Platz im Abteil angeboten hat.

Warum sie immer so streng gucke und so wenig lache, wollte Ljoscha wissen, als sie sich im Zugrestaurant trafen, da würde sie doch schneller altern und Falten bekommen. Das wisse sie selbst, antwortete Laura, begann aber von da an ihren Mitreisenden mit anderen Augen zu sehen.

Von den Petroglyphen hatte Ljoscha noch nie etwas gehört. Er fand es irre, dass man wegen ein paar Zeichnungen hinter den Polarkreis fährt.

In Petrosawodsk am Onegasee machte der Zug über Nacht Halt. Ljoscha überredet Laura, mit ihm zu einer Bekannten zu fahren und dort zu übernachten, statt im Zug.

Sie willigt für sich selbst überraschend ein. Die Bekannte ist eine echte russische Babuschka, eine jener weise gewordenen Frauen, die zu Sowjetzeiten ihren Mann stehen mussten, um zu überleben.

Am Morgen hackt Ljoscha noch schnell Holz für die nächsten Tage.

Zum Abschied sagt die Babuschka, Laura hätte einen guten Mann gefunden.

Neben der sich still entwickelnden Liebesgeschichte zeigt der Film eindrückliche Bilder vom Leben in der russischen Provinz: Alte Frauen verkaufen an dem Gleisen, an dem der Zug hält, ihre handgemachten Erzeugnisse: Eingelegte Gurken, Pasteten, Kompott. Sie sind auf diesen Zuverdienst dringend angewiesen. Viele Orte, an denen der Zug Halt macht, bestehen aus altersschwachen Holzhütten. Trotzdem bekommt Laura auf einem ihrer Stadtgänge Geschenke, auch wenn es „nur“ Selbstgebrannter ist.

Kurz vor Murmansk sind sich die beiden so nahe gekommen, dass Ljoscha lieber verschwindet, als sich dieser unwahrscheinlichen Liebe zu ergeben.

In Murmansk erfährt Laura, das es im Winter unmöglich sei, zu den Petroglyphen zu gelangen. Ihr wird stattdessen empfohlen, an einer Tour „Heldenstadt Murmansk“ teilzunehmen. Das beschert dem Zuschauer interessante Bilder der einzigen Großstadt hinter dem Polarkreis, die zu Sowjetzeiten Sperrgebiet gewesen ist, weil der wegen des Golfstroms eisfreie Hafen Ankerplatz der Atom-U-Boot-Flottille war.

Am nächsten Tag fährt Laura zum Bergwerk, wo Ljoscha arbeitet und hinterlässt eine Nachricht für ihn. Er taucht daraufhin tatsächlich in ihrem Hotel auf und mit seiner Hilfe und der seiner Kollegen gelangt Laura durch Sturm und Schneegestöber zu den Felsenmalereien.

Das alles wird ruhig und ohne jeden Kitsch erzählt.

„Wars das?“, fragt Ljoscha, bevor sie den Rückweg antreten. „Ja“, sagt Laura. Nicht ganz, denn auf dem Weg zum Schiff spielen die beiden verliebt in Sturm und Schnee. Dann ist Ljoscha wieder weg und ein Kollege fährt Laura zu ihrem Hotel, Aber er hat eine Nachricht übergeben; Eine Zeichnung, die er von Laura am letzten Tag im Zug gemacht hat. Unter der steht: Haista vittu! Er glaubt, dass das „Ich liebe Dich“ bedeutet, aber es heißt: Fick Dich. Das hatte ihm Laura am Beginn ihrer Bekanntschaft auf seine Frage gesagt. Es zeigt, wie lang der Weg der beiden war. Mit Lauras Lächeln endet der Film, den man sich unbedingt ansehen sollte.

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Neo Rauch in Rudolstadt

Es gibt viele Gründe, nach Rudolstadt zu fahren. Die Stadt selbst wirbt damit, Schillers heimliche Geliebte zu sein. Ganz falsch ist das nicht. Tatsächlich hat Schiller hier im Sommer 1787 im Haus der Familien Beulwitz und Legefeld seine spätere Frau Charlotte von Legefeld und ihre ältere Schwester Caroline von Beulwitz kennen- und lieben gelernt. Angeblich soll es sich um eine zeitweilige Ménage á troi gehandelt haben. Im Haus der Schwestern begegnete er auch zum ersten Mal Goethe, womit sein brennenster Wunsch in Erfüllung ging. Im heutigen Schillerhaus, das in alter Schönheit auferstanden ist, wie die ganze Stadt, hat man in diesem Jahr die Beulwitzschen Freitagabende wiederbelebt, wo man sich zum Parlieren und Diskutieren zusammenfand.

Über der Stadt thront die Heidecksburg derer von Schwarzburg-Rudolstadt. Der Aufstieg zum 60 Meter über der Stadt liegenden Schloss ist schon atemberaubend wegen der grandiosen Aussicht auf das reizvolle Umland. Im Schloss ist u.a. das Landesmuseum beheimatet. In seinem Gewölbesaal ist seit dem 16. Oktober 2021 eine Sonderausstellung „Neo Rauch – Das Wehr“ zu sehen. Wegen des großen Erfolgs ist die Schau, die im Januar enden sollte, bis zum 24. April verlängert worden.

Neo Rauch ist neben Gerhard Richter der wohl höchstbezahlte deutsche Maler. Wie Richter stammt er aus der DDR. Aufgewachsen in Aschersleben bei den Großeltern, weil er seine  Eltern im alter von einem Monat verlor, erlernte Rauch sein Handwerk an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Von 1981 bis 1986 studierte Rauch Malerei bei Arno Rink, danach von bis 1990 war er Meisterschüler bei Bernhard Heisig

Im kleinen, aber feinen Lindenau-Museum in Altenburg waren Rauchs Bilder 1986 zum ersten Mal innerhalb einer Gruppenausstellung zu sehen. Inzwischen hat er es ins Metropolitan Museum of Art geschafft. er gilt als einflußreichster zeitgenössischer Maler.

 Für die in Rudolstadt ausgestellten 70 Arbeiten des Künstlers, neben einem halben Dutzend Großformaten vor allem kleine, weniger bekannte Zeichnungen aus seinem Privatbesitz, ist der Gewölbesaal der Heidecksburg der ideale Ort. Zurückhaltend und etwas geheimnisumwittert, wie ihr Schöpfer Rauch beschrieben wird, gehen Exponate und Umgebung eine Synthese ein. Die leuchtende Farbigkeit der Gemälde erhellt die Raumatmosphäre. Aufgestellte Hocker (politisch-korrekt im Corona-Abstand) ermöglichen es die Bilder in Ruhe sitzend in sich aufzunehmen. 

Mich hat vor allem „Das Kollegium“ in seinen Bann gezogen. Der Teufel selbst steht mit am Planungstisch, rechts davon ein Kollege, der seine Not als Transparent auf dem Rücken trägt. Rauch ist nicht leicht zu entschlüsseln. Man lässt sich nicht ohne ein gewisses Gruseln in seine Bilder hineinziehen. Rauch selbst räumte ein, dass das Böse eine gewisse Faszination auslöst. Es ist komplexer als das scheinbar platte Gute.

Seine besondere Farbigkeit ist, was alle Rezensenten an Rauchs Werken loben. Das kann man einfach nachvollziehen. Weniger einleuchtend ist die Behauptung eines Kritikers, Rauchs Bilder wären ironiefrei. Für mich sind sie, besonders, wenn man ihre Titel einbezieht, voller hintergründigem schwarzen Humor. Das war das Erste, was mir an seinen kleinen Zeichnungen auffiel. Der „Stromer“ vor einem Hochspannungsmast, der „Spießer“ mit dem Rucksack, aus dem ein Stock ragt, der „Rebell“ mit Megafon auf dem Scheiterhaufen, die „Förderer“ vor einem Schacht, aus dem etwas mittels Seilzug gehoben wird. Diese Szenen erzählen weniger eine Geschichte, als sie die Fantasie anregen. Das alles ist mit Meisterschaft gemalt. In der Zeichnung „Profilierung“ verweben sich die Körper zweier Köpfe so kunstvoll, dass Vor- und Rückseite gleichermaßen zu sichtbar werden.

Vor dem Eingang zum Gewölbesaal läuft ein kleiner Ausschnitt aus einem Film über Neo Rauch, der mit der Frage des Malers endet: „Wer bin ich, wenn ich nicht male?“ Das kann ein Besucher am Ende seines Rundgangs natürlich nicht beantworten.

Aber man selbst ist sich in der Auseinandersetzung mit Rauchs Kunst ein Stück nähergekommen. 

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Über Menschen – Juli Zehs erstaunlicher Roman

Mir geht es wie Juli Zehs Romanheldin Dora: Ich habe schon lange aufgehört, Gegenwartsliteratur zu lesen, außer ich kenne den Autor persönlich und weiß ihn zu schätzen. 

Dass ich zu Juli Zehs Buch griff, habe ich meiner Enkeltochter (23) zu verdanken, die Zeh in ihre Auszeit nach Teneriffa mitgenommen und schon gelesen hatte, als ich nachkam. Was sie mir von ihrer Lektüre erzählte, weckte meine Neugier.

Binnenflüchtling Dora, die aus ihrem Kreuzberger Heim in ein Brandenburgisches Gutsverwalterhaus zieht, wo sie ihrem Prenzlauer Berg-Kreativjob im Home-Office nachkommen will, wird von ihrem Nachbarn begrüßt mit: „Ich bin der Dorfnazi“. Ihren sofort einsetzenden erneuten Fluchtreflex kann sie nur entkommen, weil die Abneigung, nach Berlin zu ihrem Lebensgefährten zurückzukehren, stärker ist. Robert, bis dahin ihr Lebensabschnittspartner, war erst zum fanatischen Thunberg-Jünger, dann zum Corona-Fan mutiert. Als er ihr ernsthaft verbieten wollte, die gemeinsame Wohnung für einsame Spaziergänge zu verlassen, packte sie ihre Sachen. Das Haus hatte sie schon vorher heimlich gekauft.

Gote, ihr Nazi-Nachbar, ist nicht nur hässlich mit seinen dicken Tränensäcken, sondern gebärdete sich auch verbal abscheulich. Als erstes droht er, Doras kleinen Hund zu zertreten, sollte der noch einmal sein Frühkartoffelbeet umbuddeln. Die groteske Szene spielt sich an der Mauer ab, die beide Grundstücke trennt. Um sich am Ende ihres Vorstellungsgesprächs ganz altmodisch die Hand geben zu können, muss Dora auf einem Stuhl, er auf einer Obstkiste stehen. Dieses wacklige Arrangement soll sich in ihrer Beziehung als sehr stabil erweisen.

Gote verschwindet für ein paar Tage, als er wieder auftaucht, sägt und poliert er auf seiner Seite an einem halben Dutzend Paletten herum. Zum Glück entgeht Dora dem Lärm, weil sie an diesem Tag nach Berlin muss, um ihren Vater zu treffen, der alle 14 Tage in der Berliner Charité operiert und bei dieser Gelegenheit seine Kinder sehen will. Als sie nachts in ihr Haus zurückkommt, steht im ansonsten leeren Schlafzimmer ein Palettenbett, frisch geweißt. Als sie Gote am nächsten Tag fragt, warum er das gemacht hat, ist die Antwort: „Du hattest kein Bett“. Über den Hausschlüssel verfügt er, weil er sich um das Haus, als es leer stand, gekümmert hatte. „Einer musste es ja tun“.

Das es jemand war, der bei einer abendlichen Sause mit drei Freunden das Horst Wessel-Lied singt, verstört Dora zutiefst, gleichzeitig fühlt sie sich von diesem Kerl seltsam angezogen. Als vier frisch geweißte Küchenstühle vor ihrer Haustür stehen, will sie Gote verbieten, sie weiter zu beschenken. Dabei rutscht ihr ein: „Ich brauche keine Möbel, es sind ja nicht einmal die Wände gestrichen“ heraus.

Prompt hupt der Nachbar sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf, um mit ihr zum 18km entfernten Baumarkt zu fahren und Farbe zu kaufen. An der Renovierung beteiligen sich dann noch ein weiterer Nachbar und ein kleines Mädchen, wie sich herausstellt Gotes Tochter, die eigentlich mit ihrer Mutter nach Berlin gezogen ist, aber coronabedingt nicht in die Schule muss und zum Vater zurückgekehrt ist. 

Zehs Dorfpersonentableau wird ergänzt durch das schwule Paar Tom, Blumenhändler und Steffen, Kabarettist und Blumengesteckkünstler. Zwischen diesen Personen entfaltet sich die Handlung, die so unglaublich die Tücken des modernen Lebens aufdeckt, das eine ältere Person, wie ich, aus einem anderen Universum zu stammen scheint. 

Meine Generation hatte keine Probleme, ihr Leben zu genießen, brauchte weder Selbstoptimierung noch Social Media-Auftritte und schon gar kein Tinder (da musste ich erst mal nachschlagen, was das ist) für die Partnersuche. Bei den Diskussionen in meiner Studenten- und frühen Berufszeit ging es um Ästhetik, Philosophie, Literatur (die Klassiker von der Romantik bis zu Thomas Mann), aber höchstens am Rand um das Damoklesschwert der atomaren Bedrohung. Selbst in der Diktatur, in der ich lebte, gestatteten wir der Politik nicht, so bestimmend für unser Leben zu werden, wie es in Corona-Zeiten der Fall ist. Wie Zehs Hauptheldin begeisterten wir uns für Marin Luther Kings „I have a dream“. Ein starker, inspirierender Kontrast zu Gretas „How dare you!“, der die Gesellschaft spaltet. 

Dora passt nicht in die großstädtische Kunstwelt. Für sie ist die Provinz das Eintauchen in die Realität. Sie hatte immer geglaubt, keine Kinder zu mögen. Als die kleine Franzi in ihr Leben tritt, merkt sie, dass es ihr ehemaliger Lebenspartner Robert war, der den Kinderwunsch in ihr unterdrückt hat.

Keine Angst, aus dem Dorfnazi, der natürlich kein wirklicher ist, und der Kreativen wird kein Paar. Juli Zeh hat solch einen Kitsch klug vermieden. Sie lässt Grote an einem irreparablen Gehirntumor leiden, der ihn in einer Phase, wo es ihm noch einmal gut geht, Selbstmord verüben lässt. 

Das Gesellschaftspanorama, das Zeh in ihrem Buch entwirft, ist verstörend, aber nicht deprimierend, denn es gelingt ihr glaubhaft zu zeigen, dass es Hoffnung gibt.

Dora weiß nach Grotes Tod, dass es mehr gibt als die von Algorithmen gesteuerten Lebensläufe. Grote und Dora wären sich auf Tinder niemals begegnet, das hätten die Algorithmen ausgeschlossen. Insofern ist Zehs Roman auch eine Antwort auf Yuval Noahs Hararis in „Homo Deus“ geäußerte Befürchtung, eines Tages könnten uns die Algorithmen besser kennen als wir uns selbst. Der Mensch ist zu komplex dafür. 

Juli Zeh: „Über Menschen“

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Tod in Venedig bei Arte

Seit ich Luchino Viscontis geniale Verfilmung der Novelle von Thomas Mann zu ersten Mal gesehen habe, ist das mein absoluter Lieblingsfilm. Er kam Mitte der 70er Jahre auch in die Kinos der DDR und ich habe ihn wohl ein Dutzend Mal gesehen. Einmal wurden in der Thüringischen Provinz die Filmrollen verwechselt, der Schluß des Filmes wurde in der Mitte gezeigt und  die Mitte am Schluss. Wenn die Zuschauer das bemerkt haben sollten, habe ich nichts davon mitbekommen. Sie waren zu tief beeindruckt, um Fragen zu stellen. Ein andernmal nahm ich einen hohen FDJ-Funktionär meiner Sektion Philosophie mit in die Vorstellung. Er maulte etwas, warum er sich dieses bürgerliche Zeugs ansehen sollte, nach Venedig käme er ohnehin nie. Ich sagte ihm, er solle sich einfach am Anfang mit Dirk Bogade ins Boot setzen und mit ihm zum Lido rüber fahren. Er tat das anscheinend, denn er löste über die ganze Länge des Films nicht mehr den Blick von der Leinwand. Danach kaufte er sich alle verfügbaren Schallplatten mit Musik von Mahler, dessen Musik den Film kongenial untermalt.

Gestern Abend bei Arte habe ich „Tod in Venedig“ nach Jahrzehnten wieder gesehen. Er zog mich erneut in seinen Bann. Nicht nur das. Ich habe viel mehr in ihm gesehen, als früher. So ist das mit zeitlosen Meisterwerken. 

Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach hat mich schon damals fasziniert, aber was für ein unerreicht großartiger  Schauspieler er ist, weiß ich erst seit gestern. Er kann allein mit seiner Mimik alles ausdrücken, wofür sonst viele  Worte gebraucht werden. Er sagt in diesem Film nicht viel, denn er ist in Venedig allein und darauf beschränkt, Tadzio zu folgen. 

Die Erleichterung in seinem Gesicht, als er am Bahnhof, wo er in den Zug nach München steigen wollte, um seinem Konflikt zu entkommen, erfährt, dass sein Koffer aus Versehen nach Como geschickt wurde und er einen Vorwand hat, um ins Hotel zurück zu fahren. Die erwartungsvolle Freude bei der Überfahrt zum Lido, die scheue Anbetung, die er Tadzio bei den seltenen Aufeinandertreffen entgegen bringt – Bogarde ist auf der Höhe seiner Kunst.

Nur in den Rückblenden hat Bogarde mehr Text. Visconti hat Dialogszenen aus Manns „Doktor Faustus“ eingebaut, in denen es um das Problem der Schönheit, ist sie ein künstlerisches Produkt, oder ein spontanes Erleben und um Musikästhetik geht. Doch auch hier zeigt sich die Zerrissenheit des Komponisten Aschenbach eher in seinen Zügen, als in seinen Worten.

Das dieser Ausnahme-Schauspieler nie in Hollywood Fuß fassen konnte, kann nur darin liegen, dass es dort keinen Bedarf an Subtilität gibt. 

Das Arte diesen Film gerade jetzt ausgestrahlt hat, liegt daran, dass kürzlich der Dokumentarfilm „The Most Beautiful Boy in The World“ auf den Markt gekommen ist. Arte hat ihn im Anschluss an „Tod in Venedig“ gezeigt. Björn Andrésen, der von Visconti nach langer Suche in verschiedenen Ländern, auch der damaligen Sowjetunion, in Schweden entdeckt wurde, hat die Rolle des Tadzio kein Glück gebracht. 

Im Film nun habe ich gesehen, warum das so gewesen ist. Tadzio wird wie ein Model präsentiert. Seine  Auftritte sind eher statisch, auch wenn er Posen einnehmen muss, die einen Michelangelo entzückt hätten. Selbst in den wenigen Auftritten mit andern Jugendlichen am Strand, wenn er sich balzt oder eine Anweisung zum Bau einer Strandburg gibt, wirkt er eher hölzern. Nur in der Szene, als er glücklich und schön wie ein junger Gott aus dem Meer in die Arme seiner Gouvernante gerannt kommt und mit ihr Fangen spielt, ahnt man das schauspielerische Potential Andrésens, das Visconti aber außer Acht gelassen hat.

In der Doku spricht Andrésen davon, wie er nach der Premiere des Films über Nacht zum Star wurde, den Männer und Frauen ,mit sexuellen Offerten überschüttet haben, mit denen er allein gelassen wurde. Nach einer Pressekonferenz hat ihn Visconti mit in eine Schwulenbar geschleppt, ohne sich anscheinend weiter darum zu kümmern, wie das auf den Jungen wirkt. In einem Interview beteuerte Andrésen, Tadzio wäre kein Trauma für ihn gewesen, aber eine Last. 

Wenn ich mir den Mann anschaue, der jetzt allein in einer verwahrlosten Wohnung in Stockholm lebt, die ihm weggenommen zu werden droht, weil das Ungeziefer und der Gestank die Nachbarn stören, frage ich mich, ob es sich nicht doch um ein Trauma handelt, das er niemals abschütteln konnte.

Dabei hat er viel getan, um Tadzio zu entkommen. Andrésen hat sich immer mehr als Musiker, denn als Schauspieler gesehen. Er wurde in Japan, wohin er sich nach dem Film zurückzog, mit seiner Musik zum Jugendstar, hat später auch in Schweden mit seiner Band Erfolg gehabt und zeitweise ein kleines Theater geleitet. Anscheinend hat das alles nicht bewirkt, aus dem Schatten von Tadzio zu treten.

Als Filmfigur ist er jedenfalls unsterblich, wenigstens so lange es Filme gibt. Der Film ist noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Das sollte Niemand verpassen. 

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Der junge Michelangelo

Wer in Florenz ist, kommt an Michelangelo nicht vorbei. Zumindest hat er neben der Signoria die Figur des David gesehen und die Medici-Kapelle besucht. Weniger beachtet wird ein frühes Kunstwerk des 18-Jährigen, vom dem gleich die Rede sein wird.

Michelangelo Buonarroti ist ein echter Sohn der Stadt. Er wurde 1475 als Sohn eines verarmten Patriziers geboren. Die Schönheit seiner Heimat hat ihn geprägt. Schon als Kind wollte er nie etwas anderes sein als Künstler. Sein Vater versuchte erfolglos, ihn durch Prügel vom Zeichnen abzuhalten. Michelangelo ertrotzte sich mit 13 Jahren die Erlaubnis, eine unstandesgemäße Malerausbildung zu beginnen. Zwei Jahre später wurde er bereits Stipendiat in der Skulpturensammlung der Bankiersfamilie Medici. Dort lernte er Bildhauerei. Er begnügte sich nicht damit, Vorbilder in den Meistern der Antike zu suchen. Er studierte die Natur selbst und sezierte dafür Leichen, obwohl das streng verboten war. Das wurde ihm durch den Prior der Basilika di Santo Spitito, Nicholas Bichielli, ermöglicht, der ihm mit 18 Jahren das Studium der Anatomie des menschlichen Körpers durch Sezieren im nebenan befindlichen Krankenhaus erlaubte.

Seine Dankbarkeit drückte Michelangelo durch die Schaffung eines Kruzifixes aus Lindenholz aus, das heute noch in der Basilika zu sehen ist. Es hängt nicht mehr am ursprünglichen Ort über dem Chor der Mönche, weil es später durch einen barocken Altaraufsatz verdeckt wurde.

Der jetzige Standort, die Sangallo-Sakristei, erscheint wie für diese eine Figur gemacht. Nachdem man in einem Vorraum 2 Euro bei einem Mönch entrichtet hat, kann man eintreten. Ich bin überzeugt, dass ich nicht die Einzige bin, der bei dem Anblick dieses Meisterwerkes der Atem stockte. 

Ich habe schon hunderte Gekreuzigte gesehen, aber keinen wie diesen. Jesus ist so schön und verletzlich, dass es schmerzt. Er schwebt mehr, als dass er hängt. Leiden und Schönheit verschmelzen zu einer Einheit. Ob Michelangelo dabei tatsächlich an den Text des heiligen Augustinus gedacht hat, der zu Psalm 44 kommentierte, „dass Christus als Heiland und Erretter selbst am Kreuz von schöner Gestalt sei“, wie es im Prospekt heißt, sei dahingestellt. 

Für mich ist Michelangelo das Beispiel eines Genies, dem in jungen Jahren schon bewusst wurde, dass er sich nur in seinen Werken ausdrücken kann, weil er unter den Menschen keinen gleichwertigen findet. Michelangelos „der Göttliche“, wie er von seinen Verehrern genannt wurde, war Zeit seines Lebens ein einsamer Mensch. Von Freunden weiß man wenig. Seine einzige Bezugsperson scheint sein Diener gewesen zu sein. Sein Grab in der Basilika di Santa Croce in Florenz ist leicht zu übersehen. Seine Bedeutung für die Kunst ist unsterblich. 

Das Fotografieren war leider verboten, deshalb hier die Abbildung des Prospektes, um einen Eindruck zu vermitteln.

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Florenz in Zeiten von Corona

Wenn mir zu DDR-Zeiten jemand gesagt hätte, dass mehr als dreißig Jahre vergehen würden, ehe ich mich nach Florenz aufmache, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber so war es. Wenn die Welt offensteht, eilt es nicht mehr. Man kann sie heute, morgen, oder auch erst übermorgen ansehen. In Zeiten von Corona kehrte das DDR-Gefühl, eingesperrt zu sein, unerwartet zurück. Mit ihm der Druck, nun endlich anzusehen, was man schon lange wollte, aber nicht getan hat.

Für diese Reise habe ich mich extra impfen lassen. In Italien sind die Corona-Regeln noch strikter als in Deutschland. Es herrscht Impfpass-Zwang für alle. Zwar kommt man unkontrolliert ins Land, wird auch beim Einchecken im Hotel nicht nach Impfungen oder Tests gefragt, kommt aber in kein Museum, keine Kirche und kein Restaurant ohne Impfpass. An vielen Stellen kommt noch eine Fiebermessung hinzu.

Florenz ist eine ganz besondere Stadt. Das fühlt man überall, aber in höchstem Maße am Dom mit seinem Campanile und dem Baptisterium daneben. Die Fassaden dieser Gebäude sind ganz in farbigen Marmor gekleidet. Im Abendlicht, in dem ich das Ensemble zum ersten Mal sah, bot sich mir ein märchenhafter, fast unwirklicher Eindruck. Das kostbare Material wird allen Bürgern und Besuchern täglich dargeboten. Dazu kommen die kunstvollen Türen des Baptisteriums, mit ihren Reliefs, die in der Abendsonne rotgolden schimmern. Ghibertis berühmte Bronzearbeiten sind für jedermann sichtbar. Das ist ein Merkmal der Stadt, die ihre Kunstwerke offen darbietet, um zu beeindrucken – ob Bürger oder Besucher, Freund oder Feind. Die Florentiner wussten um die Wirkung des Schönen. Sie haben diese Schönheit zu ihrem Credo gemacht. „Piu belloche si può“, „so schön wie möglich“, sollten die Künstler im Auftrag der Stadt ihre Werke schaffen.

In einer Urkunde von 1294 kann man lesen, dass der Dom „vollendet werden [sollte] mit jener höchsten und prunkvollsten Großartigkeit, wie man sie überhaupt erfinden kann. Als ein Werk des menschlichen Strebens und Vermögens, das nicht schöner und prächtiger sein könnte“. Überwältigt von dieser Schönheit fragte ich mich, wo die Sehnsucht nach Schönheit hingeraten ist. Bei den Architekten, die unsere Städte mit gesichtslosen, faden Bauten überziehen, hat sie keine Heimat mehr. Aber auch die Hervorbringungen angesagter Künstler sind frei davon.

In Florenz läuft gerade eine Schau des Projektkünstlers Jeff Koons mit dem irreführenden Titel „Shine“ im Palazzo Strozzi, die den Beweis antritt, dass heutzutage grell-bunte Pompösität geschätzt und hoch bezahlt wird. Im Hof des Palastes steht eine quietschblaue Schöpfung aus Metall und Glanzlack, die Koons, wie angeblich alle seine Werke, von seinen Mitarbeitern anfertigen lässt. Als „Luxury and Degradation” wird das Objekt angepriesen. Der Luxus beschränkt sich auf den Geldbeutel, eine Bedeutung von Degradation ist Erniedrigung, was als Bezeichnung für diese Kunst ziemlich treffend ist.

Das Gegenstück dazu präsentiert die Piazza Signoria; wahre Kunst und wahren Luxus. Beherrscht wird der Platz vom Palazzo Vecchio, einem strengen Baukörper aus grob behauenem Gestein, die Referenz des damals herrschenden Geistes an die Natur. Auf Dach und Turm der Zinnenkranz als Erinnerung an die Stadtmauer, das Symbol einer selbstbewussten städtischen Autonomie.

Die Strenge des Kommunalpalastes wirkt abweisend, deshalb haben ihm die Florentiner die Loggia dei Lanzi zur Seite gestellt, auf der in früheren Tagen Zeremonien und Empfänge stattgefunden haben. Von hier aus hat man aber auch einen unverstellten Blick auf die Stelle, an der Savonarolas Scheiterhaufen errichtet wurde.

Heute ist die Loggia ein Freilichtmuseum der Skulpturen. Auffällig ist, dass fast ausschließlich Tötungsszenen dargestellt werden. Sie vermitteln die Botschaft: Kommt uns nicht zu nahe. Donatellos „Judith“ mit dem Kopf von Holofernes und Michelangelos „David“ verkörpern die städtische Freiheit.

Aber auch das stolze und wehrhafte Florenz wurde aus einer Republik zu einem Bestandteil des Herzogtums Toskana. Spätestens hier wird klar, dass Florenz verstehen heißt, seine Geschichte zu kennen.

Diese Geschichte ist für uns schon teilweise verschüttet. Wie kam es zu einer förmlichen Explosion in der Wissenschaft, Technik und Kunst, durch die großen Geister, die von dieser Stadt angezogen wurden? Leonardo da Vinci entwarf hier Maschinen und Geräte, die uns ein Rätsel geworden sind. Die Spuren, die Michelangelo hinterlassen hat, bevor er sich nach Rom aufmachte, sind auch in ihrer Unvollendetheit genial. Donatello hat mit seinem nackten David die unbekleidete Figur in die Bildhauerei zurückgeführt. Die Statuen entlang der Fassade der Uffizien sind eine Galerie menschlicher Genialität: Dante, Donatello, Leonardo, Boccaccio, Giotto, aber auch Machiavelli und andere Größen, die heute weniger bekannt sind.

Das sind die Männer, die Europa geprägt und die Erfolgsgeschichte des Abendlandes geschrieben haben. Diese Geschichte ist eine christliche, da hilft alles Leugnen und Relativieren nichts. Wenn man einen Tag in den Uffizien verbringt, dann weiß man, dass diese Wahrheit unumstößlich ist. Kaum ein Kunstwerk ohne christliche Symbolik. Gleichzeitig bekommt man vorgeführt, wie viel von dieser Geschichte bereits vergessen ist. In früheren Jahrhunderten wussten die Betrachter dieser Bilder und Skulpturen, welche Geschichte sie erzählen, sie konnten mühelos die Botschaften entschlüsseln. Heute müssen wir mühsam danach suchen, was uns mit dem Dargestellten gesagt werden soll. Man muss sich in die Geschichte der Stadt vertiefen, wenn man sie verstehen will.

Über Jahrhunderte hat sich Florenz gegenüber den Feudalmächten, dem Kaiser und dem Landadel behauptet. Rivalisierende Familien haben darüber gewacht, dass keine zu mächtig wurde. Aber schließlich wurde die Familie Medici zur Alleinherrscherin. Von bürgerlicher Herkunft war sie aber bemüht, ihre Herrschaft mittels Förderung der Künste nachträglich zu legitimieren und ihren Anspruch zu sichern. Die Paläste der Medici und ihre Gärten prägen die Stadt noch heute. Der Boboli-Garten hinter dem Palazzo Pitti ist sogar zum Weltkulturerbe erklärt worden. In Florenz ist die Vergangenheit noch mächtig, sie beschenkt die Gegenwart. Wer dieses Geschenk annimmt, verlässt die Stadt bereichert und klüger.

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Ich denke auf eigene Rechnung – Ettersburger Gespräche über Horaz

Es gibt viele Gründe, das Schloss Ettersburg bei Weimar zu besuchen. Seit diesem Jahr ist einer dazugekommen. Der Schlossgarten von Goethes Lieblingsaufenthalt wurde aufwendig restauriert und präsentiert sich jetzt im Gewand der Goethezeit, samt wunderbar duftenden historischen Rosen. Aber Hauptgrund bleibt das von Peter Krause organisierte künstlerische Programm, das seit Jahren Schauspieler, Musiker, Literaten, Philosophen und ihr Publikum magisch anzieht. Dazu gehören die Ettersburger Gespräche, die in der Regel sonntags um 16.00 stattfinden. Letzten Sonntag wurden sie nach anderthalbjähriger Corona-Zwangspause unter dem Motto „Weltlosigkeit“ wieder aufgenommen.

Zu Gast waren Uwe Tellkamp und Christoph Schmitz-Scholemann, der 22 Briefe von Horaz neu übersetzt hat. Und was für ein Übersetzung! Deutschland hat nicht nur Hidden Champions in der Wirtschaft. Es gibt sie auch in der Literatur. Einer davon ist Schmitz-Scholemann, ein ehemaliger Arbeitsrichter, also ein Humorist (Tellkamp),von der Neigung aber Altsprachler, der sich in seiner Freizeit literarischen Übersetzungen widmete. Seine Horaz-Übersetzung erschien unter dem Titel: „Und zum Glück fehlt mit nichts – nur Du“. Horaz wollte im letzten Drittel seines Lebens etwas schreiben, das „den Armen ebenso nützt, wie den Reichen, etwas, worüber sich niemand, ob alt oder jung, ohne Schaden hinwegsetzt“. Gewählt hat er die Form des literarischen Briefes, der ihm die besten, privatesten Ausdrucksmöglichkeiten bot. Verfasst sind dieses Briefe in Hexametern. Es gibt zahlreiche Übersetzungen, auch von Wieland und Herder, die aber mehr um die Hexameter als um die Leser kümmerten. Schmitz-Scholemann wollte es anders machen. Er war überrascht gewesen vom „unverbrauchten, humorvollen Ton und dem großstädtischen Tempo dieser Gedichte“, die ihn brüderlich ansprachen. Diesen Ton wollte er den Lesern vermitteln. Das ist vollkommen gelungen.

Horaz Briefe lesen sich, als wären sie gestern abgeschickt. „Krieg an den Rändern des Imperiums, billige Arbeitskräfte aus dem Osten drängen in die Metropole. Unermesslicher Reichtum der Eliten. Empfängnisverhütung, Kochbücher und Schminke haben Konjunktur, die Geburtenrate sinkt, die Scheidungsrate steigt. Die Massen rennen in die Stadien und brüllen vor Begeisterung, wenn Männer aus fremden Ländern einander bekämpfen. Die Gerichte werden mit Klagen überschwemmt, die Redekunst der Anwälte ist exquisit […] Ingenieure verfeinern die Heizungstechnik, den Straßenbau, die Waffen. Wen mitten in den lukullischen und venerischen Orgien die Langeweile anfällt, dem helfen öffentliche Spaßvögel und Philosophen, die ihren Zynismus für teures Geld unters Volk bringen“. Rom, wenige Jahrzehnte vor der Geburt Christi, oder heutige Zeiten? Diese Skizze römischen Lebens liest sich wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung.

Horaz will seinen Zeitgenossen vermitteln, wie sich der Mensch in solchen Verhältnissen verhalten kann. Wie soll man leben? Zu allen Zeiten haben Menschen an den sie umgebenden Zuständen oder ihrer Unfähigkeit gelitten. Horaz ist Optimist: „Ob Jähzorn Dich quält, oder Geiz, ob du ein Hurenbock bist, ein Trunkenbold oder ein Faulpelz – niemand ist so verwildert, dass er sein Leiden nicht mildern könnte. Nur muss er bereits sein, zu lernen“.

Horaz plädiert also für ein selbstbestimmtes Leben, ohne die Erwartung, dass der Staat alles richten soll. Das ist eine wichtige Botschaft für unsere Zeit, in der die Meinung allgegenwärtig ist, dass man die Vorstellung vom richtigen Leben besser nicht dem Einzelnen überlassen sollte. Im Gegenteil, es herrscht die Idee, wie Schmitz-Scholemann in seinem Nachwort schreibt, dass dies eine Sache von Verordnungen, ja Programmierungen ist, die dem Einzelnen nicht mehr unterschieden lassen soll, was er will. Er zitiert einen Soziologen, der im Radio äußerte: „Die Menschen müssen das, was sie sollen, auch wollen können“. Das ist ein Plädoyer dafür, dass Politiker, Beamte, externe Berater festlegen, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Gegen diese Zumutung hilft die Lektüre von Horaz.

Was der auf seinem Landgut, das von Maecenas, an den der erste Brief gerichtet ist, gesponsort wurde, aufschreibt, ist eine zeitlose Orientierung für eine gelungene Existenz. Entgegen dem eben zitierten Leben nach Gebrauchsanweisung kommen Horaz Ratschläge als Gesprächsangebote daher, nicht als Direktiven. Um „Haltung und wenn möglich Heiterkeit zu bewahren, braucht der Mensch keine tausend Steuertricks, keine Tofu-Schnitzel und keine disruptiven Narrative. Er braucht einen anderen Menschen, um mit ihm zu reden. Zum Glück fehlt Horaz nichts, außer ein Gegenüber. Wir Corona-Maßnahmen-Opfer wissen, dass er Recht hat. Wir brauchen die Anderen. Horaz lädt ein: wenn Du Lust hast, zu lachen, komm zu Besuch.

Diese Botschaft hat das Publikum des Ettersburger Gesprächs sehr beschwingt, wie an den lebhaften Diskussionen nach der Veranstaltung zu merken war. Jeder ist bereichert nach Hause gegangen mit dem frohen Wissen, dass die nächste Ettersburger Gespräche bereits fest geplant sind.

Am 5.September kommt Monika Maron, über alle Gespräche kann man sich hier informieren.

https://schlossettersburg.de/kultur/kalender/?

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Was ist eigentlich los?

Monika Maron, die in diesem Jahr ihren 80.Geburtstag und ihr vierzigjähriges Jubiläum als Schriftstellerin feierte, hat in ihrem neuen Verlag einen Band mit Essays aus vier Jahrzehnten herausgebracht. Was man da lesen kann, ist keineswegs verstaubt, sondern überwiegend brandaktuell. Maron gehört zweifelsohne zu den schärfsten Analytikerinnen des Zeitgeistes. Ihre Beobachtungen sind genau, ihre Schlussfolgerungen präzise. Das bekommen ihre Kontrahenten zu spüren, denen sie keine Ungenauigkeit durchgehen lässt.

Jürgen Kaube bringt in seinem Vorwort ein Beispiel aus dem öffentlichen Briefwechsel mit dem Autor Joseph von Westpahlen, mit dem sie 1987 einem größeren westdeutschen Publikum bekannt wurde, weil er wöchentlich in der Zeit abgedruckt wurde.

„Unvergesslich bleibt, wie Westphalen den Spruch „Schwerter zu Bierdosen“ aufnahm, eine Persiflage auf das friedensbewegte „Schwerter zu Pflugscharen!“, um Monika Maron zu fragen, ob der „pfiffige Aufruf“ womöglich aus der DDR stamme. Maron: In der DDR gäbe es gar kein Dosenbier. Und kein Verwaltungsrecht, das einem im Umgang mit dem Staat womöglich nützlicher sei, als Pfiffigkeit. Man könne sich beschweren, aber nicht klagen.“ Solche Sätze liest man in Zeiten der Bundesnotbremse, mit der die Verwaltungsgerichtsbarkeit ausgehebelt wurde, um die vielen Klagen gegen undurchdachte Corona-Schutzmaßnahmen zu drosseln, ganz neu.

Es ist immer schwierig, einen Band mit vielen Essays zu besprechen, deshalb konzentriere ich mich auf eins aus dem Jahr 2002, um meine oben getroffenen Feststellungen zu belegen.

„Lebensentwürfe und Zeitenumbrüche“ ist der Titel des Textes, der in der Süddeutschen Zeitung erschien.

„Wer es sich zu einfach macht beim Rückblick auf seine Geschichte, beraubt sich seiner Biografie.“ Dieser hätte nicht nur Annalena Baerbock als Warnung dienen müssen, bevor sie mit einem zusammenphantasierten Lebenslauf in den Kampf ums Kanzleramt zog. Er ist essentiell, um zu verstehen, was nach der Vereinigung der zwei deutschen Teilstaaten schief lief.

Man solle sich seine Biografien erzählen, forderte die Schriftstellerin Christa Wolf im Osten und Bundespräsident Richard von Weizäcker im Westen. Das gegenseitige Verständnis wurde damit nicht wesentlich gefördert.

„Es schien sogar, als ob die ostdeutschen Lebensberichte über Stasiverfolgung, Bildungsbehinderung, Berufsverbote oder auch nur den täglichen Irrsinn, die, da sie ein eintöniges  Leben beschrieben auch eintönig anzuhören waren, die Westdeutschen bald langweilten, zumal sie selbst wenig zu Wort kamen.“ Außerdem konnten die Ostdeutschen ihr Leben verklären, wenn es gelang, „den eigenen Lebensfaden“ mit „dem grandiosen historischen Ereignis, dem Sturz eines Regimes und dem Vollzug der nationalen Einheit“ zu verschmelzen. Die Ostdeutschen hatten die Revolution gemacht, von der die Westdeutschen, jedenfalls die 68er nur geträumt hatten.

Es wurde aber weitgehend übersehen, was die nachhaltigste Hinterlassenschaft der DDR war, ihre Bürger in einer Art Dauerpubertät gehalten zu haben. „Wer ein Leben lang gehindert wird, die berechenbaren Folgen seines Tuns zu verantworten und im Dialog mit seiner Umwelt die eigenen Konturen und Grenzen zu erfahren, wird ein Leben lang nicht erwachsen werden, sondern sich, je nach Temperament, in infantilen Trotz, ziellose Rebellion oder andere Ausweichstrategien flüchten; die defensiven Talente werden bis zur Perfektion entwickelt, während die offensiven verkümmern.“

Wer als Staatsfeind endete, begann möglicherweise nur mit einem unbeherrschten Ausbruch gegen einen Lehrer oder Polizisten und setzte damit einen Mechanismus in Gang…bis der aufsässige Mensch außerhalb der Gesellschaft wiederfand, zu der er ursprünglich hatte gehören wollen, aber als der, der er war.“

Maron beschreibt hier Mechanismen, wie sie im vereinten Deutschland seit 20 Jahren wieder erstehen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt die Infantilisierung unserer Gesellschaft, in der Menschen nicht mehr erwachsen werden wollen. Unsere Gesellschaft besteht aus Betreuungsmodulen, die vom Kindergarten bis zum Altersheim reichen. Das macht Menschen abhängig und unfähig, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Wie soll jemand Verantwortung übernehmen, der das für sich selbst nicht kann?

Das vereinte Deutschland hätte aus der Erfahrung der Diktatur den Schluss ziehen müssen, dass es alles tun muss, die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen zu stärken. Stattdessen hat es seine Bürger zu abhängigen Betreuungsfällen gemacht. Andersdenken und Individualität sind ebenso wenig gewünscht, wie in der DDR. Wie gefährlich es ist, sich abhängig machen zu lassen, beschreibt Maron so:

„Wer in einer Diktatur, und sei es in einer gemäßigten lebt, neigt dazu, was immer geschieht, oder nicht geschieht, dem anzulasten, der ungebeten in sein Leben eingreift. Misserfolge im Beruf, vergeudete Talente, gescheiterte Ehen, schwere Krankheiten werden den äußeren Zwängen zugeschrieben…verschwindet die Diktatur, bleiben die Menschen mit ihren als unzureichend oder gar als misslungen empfundenen Biografien allein zurück.“

Auch das sollte eine Warnung sein.

Die Ostberliner Mauer, so Maron, erschien anfangs so unfassbar, dass auch ihre Befürworter an ihre Dauerhaftigkeit nicht glauben konnten. Aber sie wurde mit den Jahren zur Normalität.

„Was nicht zu ändern ist und dauerhaft zu unseren gewohnten Lebensbedingungen gehört, nimmt, so unnormal es auch sein mag, allmählich die Gestalt des Normalen an…“

Genau das geschah mit den Corona-Maßnahmen, die inzwischen zur kaum noch hinterfragten Gewohnheit geworden sind, so dass sie fast widerstandslos nach Abebben der Pandemie weitergeführt werden können. Sollten sie von einer Gesundheitsschutzmaßnahme in eine Klimaschutzmaßnahme überführt werden, ist zu befürchten, dass dies auf wenig Widerspruch stoßen wird.

Wer wissen will, was eigentlich los ist und wie es dazu kommen konnte, der sollte die Essays von Monika Maron lesen.

Monika Maron „Was ist eigentlich los?“

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Maria Stuart im Globe Charlottenburg – ein Sommernachtsereignis!

Es gibt sie noch – die Lichtblicke mitten im Corona-Frust, wo sich der von Politikwillkür und Behördenversagen geplagte Zeitgenosse erholen und wieder Hoffnung schöpfen kann. Einer dieser Lichtblicke ist das Globe Berlin, ein ganz besonders Theaterprojekt. Nach eigener Aussage möchten die Betreiber zu einem „kulturellen Höhepunkt“ Berlins werden.

Das ist ihnen voll und ganz gelungen. Sie bieten Theater vom Feinsten. Bis zum Wiederaufbau des hölzernen Theaterhauses bespielt das Globe-Ensemble ein aus hölzernen Versatzstücken des künftigen Baus zusammengesetzten offenen Ort, dessen kreisförmiger Innenraum einen unmittelbare Verbindung zwischen Schauspielen und Publikum herstellt. Das funktioniert so gut, wie im nachgebauten Globe aus Shakespeares Zeiten in London, nur ist es noch intimer, unmittelbarer.

Wenn die Zuschauer den Innenraum betreten, sitzt Maria Stuart (Wiebke Acion), ganz in leuchtendes Blau gehüllt auf einem hölzernen Podest, das an ein Schafott erinnert, summt vor sich hin und schreibt in ein Heft. Die Stühle der ersten Reihe sind nicht mehr als zwei Meter von der Bühne entfernt. Zusätzlich hat der Bühnenbildner (Thomas Lorenz Hertig) am Rand Stege aufgestellt, die kreisförmig um den Zuschauerraum angeordnet sind. Von dort kommen, wenn das Drama beginnt, die Herren Mortimer, der Kerkermeister (Benjamin Krüger) und Graf Leicester (Anselm Lipgens) als das nahende Unheil. Angedeutet wird das nur, indem sie rhythmisch auf ihre Rüstung, zeitgemäß aus Plastik nachgebildet, klopfen. Noch wiegt sich die schottische Königin in scheinbarer Sicherheit. Das Gericht, vor das sie gestellt wurde, bestand nicht aus Personen ihresgleichen. Eine Königin kann nur von einer Königin gerichtet werden, glaubt sie. Das ihre Gegenspielerin   Elisabeth (Saskia von Winterfeld) sagen könnte „Ihr Leben ist mein Tod, ihr Tod mein Leben“, übersteigt Marias Vorstellungsvermögen. Vor den Augen der Zuschauer entfaltet sich die ganze Härte des Dramas um politische Intrigen, Machtkampf, Irrtümer, abruptem Seitenwechsel, Verrat, menschlicher Schwäche und Wahnvorstellungen.

Schillers Stück wurde für diese Aufführung neu gefasst und auf vier Personen reduziert, was den Konflikt verdichtet und verdeutlicht. Die Regisseurin verzichtet auf alle Mätzchen und Knalleffekte, technische Raffinesse ist sowieso nicht möglich.

Die magische Wirkung der Vorstellung, die das Publikum von Anfang an in ihren Bann zieht und bis zum Schluss nicht mehr loslässt, beruht allein auf Schillers Wortgewalt und der hohen Darstellungskunst der vier Akteure auf der Bühne. Einen der Vier hervorzuheben, vermag ich nicht. Sie haben alle die leider etwas leisen Bravos während des Schlussapplauses mehr als verdient.

Wenn es nach der Pause dunkel wird und der Halbmond der Szenerie zusätzlichen Reiz verleiht, gibt es nichts mehr, das dieses Theatererlebnis noch steigern könnte.

Tatsächlich ist gelungen, was sich die Akteure vorgenommen hatten; wie in Shakespeares Zeiten, die darstellende Kunst in direktem Kontakt zu erfahren. Was Globe bietet, ist tatsächlich echtes Volkstheater. Dies zu erleben, tut der Seele gut.

Also: wer sich etwas Gutes tun und gleichzeitig dem um sein Überleben spielendes Projekt Unterstützung zukommen lassen möchte, sollte sich nach Berlin-Charlottenburg aufmachen. Das Globe spielt bis zum 18.September. Maria Stuart gibt es erst am 9., 10., 16., und 17. September wieder. Aber vorher kann man „Romeo und Julia“ oder Shakespeares „Sturm“ erleben, die, ich wage es zu sagen, obwohl ich diese Stücke noch nicht gesehen habe, von ähnlicher Qualität sein werden. Es gibt aber auch Lesungen am Montag und die „Swinging Hermlins“ am Dienstag.

Das vollständige Programm finden Sie hier: https://globe.berlin/index.php/spielplan-tickets

In diesen Corona-Zeiten sind wir alle aufgefordert „uns zum gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst und Kultur zu positionieren“, wie es Christian Leonhard in seinem Geleitwort im Programmheft formuliert. „Wo wir gehen und stehen, kann künstlerische Schaffenskraft zur Lebensqualität beitragen und man darf behaupten […] dass wir geistig, emotional und seelisch ärmer wären, wenn es keine Konzerte, Opern, Ausstellungen, Lesungen, Kleinkunstauftritte, Tanzveranstaltungen und keine Theateraufführungen mehr gäbe“.

Wir dürfen nicht zulassen, dass „Andere darüber entscheiden wollen, ob wie, wo und was wir leben relevant sei“. Es ist an uns, das unmissverständlich klar zu machen!

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Die Wüste als Ort der Literatur

Jemanden in die Wüste schicken heißt, ihn auszuschließen, kalt zu stellen. Das Sprichwort drückt aus, dass die Wüste bis heute überwiegend als Ort der Verbannung, des Verlassenseins und der Todesgefahr wahrgenommen wird. Wer weiß heute noch, dass diese Worte bereits als Metapher für Sühne bei 3 Mose 16.10 stehen?

Dass die Wüste eine Landschaft ist, die seit Beginn der Schriftkultur die Menschen inspiriert und Ausdruck uralter Konflikte ist, die uns bis in die heutige Zeit begleiten, ist nahezu unbekannt. Dabei handelt es sich um eines der ältesten, zentralen Themen der Menschheit. So wird bereits im Gilgamesch-Epos der Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert.