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Notizen von unterwegs – Vorwort: Hinter den Fassaden des Alltäglichen von Chaim Noll

Vera Lengsfeld ist in ihrem Leben weit gereist. Ihre Notizen von unterwegs hat sie zu kurzen, prägnanten Reiseberichten kompiliert, die tagebuchartig festhalten, wo sie war, was sie gesehen und gehört hat, und gelegentlich, doch nie dominierend, was sie darüber denkt. So berichtet sie von Reisen in alle Himmelsrichtungen, nach Argentinien, Litauen, Israel, China, Rumänien, Spanien, Zypern, Estland, Kuba, Deutschland, Polen, Chile oder Sibirien, auch in Gegenden, über die sonst kaum etwas Vernünftiges zu erfahren ist wie das quasi-autonome Gebiet Transnistrien.

Die Autorin gibt keine unnötigen Erklärungen ab, warum sie sich an diesem oder jenem Ort aufhielt, teilt über sich nur das Nötige mit und vermeidet die bei anderen Reiseautoren üblichen Abschweifungen in eigene Reflexionen und Weltgedanken. Gegenstand ihres Berichts ist immer der besuchte Ort. Den versucht sie, soweit möglich, zu Fuß zu erkunden. So, „auf Augenhöhe“, in direktem vis à vis, begegnet sie dem Unbekannten, das sie fernen Orts erwartet, stellt sich ihm mit Neugier und Offenheit, mit einem jugendlich wirkenden Interesse an den Problemlösungen anderer.

Wie genau sie die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft einzufangen weiß, kann ich dort nachvollziehen, wo sie mir bekannte Orte besucht, etwa Petrosawodsk in Karelien. Genau so habe ich selbst diese weltferne Gegend in Erinnerung. Ihre Neugier geht in die Tiefe, oft schmerzhaft, auf Kosten der Idyllik des Reisens. Ihrerseits früh mit Geschichte konfrontiert, erweist sie sich als unerschrockene Spurensucherin, versessen auf das Historische hinter den Fassaden des Alltäglichen.

In Moskau sieht sie die Schönheit des rekonstruierten alten Arbat, doch sie wirft auch einen Blick auf das Hotel Lux, in dem in den dreißiger Jahren, zur Zeit der „Großen Säuberung“, die emigrierten Ausländer wohnten und in hypnotischer Starre warteten, bis die Männer in den Ledermänteln kamen, meist im Morgengrauen, und sie abholten. Gleich nebenan ist die Lubjanka, das Gefängnis der sowjetischen Staatssicherheit, in der abgeurteilt, nach Sibirien verschickt, nicht selten auch gleich hingerichtet wurde. Vera Lengsfeld, kundig in der Literatur des Schreckens, erkennt das Dom na Nabereshnoj, das „Haus an der Uferstraße“, dessen Insassen, Funktionäre und hohe Offiziere, fast alle den Weg in die Lager gingen. Zugleich ist sie imstande, die grandiose Ausstrahlung der alten russischen Metropole zu beschreiben, die den Schatten standhält, die eine wechselvolle, nicht selten tragische Geschichte auf sie wirft.

Die meisten Orte, die sie besucht hat, befinden sich in einem rapiden, manchmal radikalen Wandel. So dass es an sich verdienstvoll ist, den Jetzt-Zustand gewissenhaft zu beschreiben, weil er zum Zeitpunkt der Niederschrift schon aufgehört hat zu bestehen und womöglich nur in Lengsfelds Notizen überdauert. Das gilt für die Wunden und Krater des Krieges auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, für die Foltermale Rumäniens, das bunte Elend Kubas der späten Castro-Zeit. Novosibirsk nennt sie in diesem Nebeneinander von alt und neu, von gestriger Misere und sich abzeichnendem Aufschwung eine „Patchworkstadt“. Das Wort trifft in dieser Zeit schneller Veränderung auf manchen der besuchten Orte zu. Sogar Ushuaia auf Feuerland, am Rand der bewohnbaren Welt, kurz vor dem Übergang ins ewige Eis, hat sich verwandelt: aus der ehemaligen argentinischen Strafkolonie von achthundert Seelen wurde, wie die Reisende festhält, binnen weniger Jahrzehnte „eine boomende Stadt mit 60 000 Einwohnern.“

Viele historische Details, die Vera Lengsfeld recherchiert und repetiert, waren mir unbekannt, und jetzt davon zu erfahren, macht dieses Buch für mich zur spannenden Lektüre. Weil sich im Historischen immer die Geheimnisse des Heutigen verbergen, über die nachzudenken wir sanft genötigt werden. Ich wusste bisher wenig oder nichts über Beijings Stadtentwicklung, über die strukturellen Probleme chinesischer Mega-Metropolen, oder über Kuba, wo ich nie war. Oder über die Wechselfälle in der Geschichte der Insel Helgoland. Oder die Tragödie der Stadt Warschau, die von den Nazis „zu neunzig Prozent dem Erdboden gleich gemacht“ wurde.

Doch das Unheimliche, Bedrohliche kann auch mitten im Frieden geschehen, in einer westlichen Demokratie. Bei einem Besuch in Madrid beobachtet Vera Lengsfeld die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit, die neue, heimliche Art der Desinformation: „Als ich am anderen Morgen die Nachrichten im Fernsehen anschaue, stelle ich fest, dass die Zahl der Teilnehmer des Protestzuges absurd niedrig angegeben wurde. Sechshundert sollen es nur gewesen sein, wo ich mehrere Tausend an dieser Kreuzung gesehen habe (…) Arroganz der Macht? Auf die Dauer werden sie damit nicht durchkommen.“

Arroganz und Schwäche westlicher Politik entgehen ihr nicht, vor allem nicht die Zeichen einer verfehlten, antiquierten Außenpolitik der europäischen Staaten: „Die Türkei denkt nicht daran, die griechische Stadt Famagusta zurückzugeben, wie sie sich verpflichtet hat. Sie kann darauf vertrauen, dass die EU von ihr die Vertragserfüllung nicht einfordert.“ Und sie ahnt die Folgen dieser schwachen Politik: „Ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Reise in die Vergangenheit des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien eine Zeitreise in die Zukunft Europas ist.“

Vera Lengsfeld ist eine Frau mit großer Lebenserfahrung und politischem Gespür. Wie ihre Reise-Impressionen zeigen, ist sie weit in der Welt herum gekommen. Dabei bodenständig geblieben mit ihrem Hanggrundstück voller Obstbäume, das sie von ihrer Großmutter in Thüringen geerbt hat. Einmal bin ich mit ihr in der Wüste gewandert und habe ihre unglaubliche Ausdauer erlebt. Die sie auch anderswo zeigt, zum Beispiel in ihrem Eintreten für demokratische Freiheiten. Sie erkletterte die Sandhügel und Felsen der Negev-Wüste schneller als jeder andere. Training, sagte sie. Denn sie muss, um ihre Obstbäume zu ernten, ständig hügelauf und -ab laufen. Reisen ist nur eine Seite ihre Lebens. Und sie ist davon nicht, wie viele andere, konfus, „für alles offen“ und meinungslos geworden. Vera ist auf ihren weiten Fahrten durch die Welt ein Mensch geblieben, der ein Zuhause hat, eine klare Orientierung.

Chaim Noll

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Buch/Filmkritik Kultur

Der Auserwählte oder die Gefährlichkeit der Einheitsmeinung

Ein Freund empfahl mir kürzlich den Film „Stalins Tod“.
Auf der Suche danach bin ich bei Netflix erst zu „Er ist wieder da“ geleitet worden, was ich mir aber nicht antun wollte, dann über „Roman Empire“ zu „The Chosen“, wo ich hängengeblieben bin. Es ist nicht die Serie über Jesus Christus, sondern ein Film über den Mörder von Stalins Konkurrent Leo Trotzky, leider nur in Spanisch, mit englischen Untertiteln. Das Werk beginnt mit Originalaufnahmen von Lenin, Trotzky und Stalin, bis hin zu einer Erschießung.

Die eigentliche Story nimmt ihren Ausgang im spanischen Bürgerkrieg. Eine kommunistische Funktionärin fährt an die Front, um ihrem Sohn mitzuteilen, dass er für eine besondere Mission ausgewählt wurde. Der will eigentlich nicht, beugt sich aber dem Diktum, dass die Partei bestimmt, wohin er gestellt wird. In der Sowjetunion wird er in einer ablegenden Hütte, wo ihm als einziger Gefährte ein Hund beigeben wird, für seinen Auftrag trainiert. Er muss vergessen, je Spanier gewesen zu sein, sondern ist der belgische Staatsbürger Jacques. Am Ende des Trainings wird seine Härte gestetet, indem ihm sein Ausbilder befiehlt, den geliebten Hund zu erschießen, was er tut.

Der Auserwählte wird zuerst nach Paris geschickt, wo er der Sekretärin von Trotzky zugeführt wird. Er spielt ihr vor, sich in sie verliebt zu haben, so erfolgreich, dass sie ihm glaubt, dass er ihretwegen nach Mexiko kommen wird, wohin sie zurück muss. Der Film gibt interessante Einblicke , wie stark die GPU in Mexiko vertreten war und wie rücksichtslos sie Genossen aus dem Weg räumte.
Der Auserwählte wird in Mexiko Stadt auf der Straße von seinem verehrten ehemaligen Kommandeur aus dem Bürgerkrieg erkannt. Er versucht, ihn loszuwerden, wird aber von seine ewigen Begleiten aufgefordert, ihn zurückzurufen und abzulenken, bis er von den GPUlern abgeholt werden kann. Auch das tut er und stellt sich taub, als der Freund ihn um Hilfe ruft, weil er ahnt, was es bedeutet, in ein Auto gezerrt zu werden. Am Tag darauf findet man den Kommandeur ertrunken in einem Parkteich.

Auch als ein Anschlag auf Trotzky schief geht, weil es dem gelingt, sich und seine Frau Natalia rechtzeitig aus dem Bett zu retten, das von verkleideten Polizisten unter Beschuss genommen wird, wird der vermeintliche Verräter, der gänzlich unschuldig, aber frisch aus New York eingetroffen war, sofort beseitigt. Der Auserwählte fragt zwar, ob es nötig gewesen sei, zwei treue Genossen hinzurichten, gibt sich aber mit der Antwort seiner Mutter, die neben dem GPU-Ausbilder die Operation Trotzky leitet, dass die Sache der Partei eben manchmal Opfer erfordere, zufrieden.

Nun muss der Auserwählte selbst Hand an Trotzky legen. Ihm war es inzwischen gelungen, mittels seiner Geliebten, die bei seinen heimlichen Treffen mit der GPU nur „die Sekretärin“ genannt wird, Zugang zu Trotzkys Haus zu erhalten. Zwar mißtraut der deutsche Sicherheitschef Trotzkys dem Auserwählten zutiefst, auch Trotzkys Frau Natalia hat Vorbehalten gegen ihn, aber Trotzky ließ ihn weiter zu sich.
Am Tag des Mordes wunderte man sich , warum der Auserwählte einen Regenmantel über dem Arm trug, gab sich aber mit der Antwort, er wolle auf plötzliche Regengüsse vorbereitet sein, zufrieden.
Trotzky nahm ihn trotz aller Warnungen wegen eines nächsten Anschlags mit in sein Büro, ließ es sogar zu, dass der Mörder hinter seinen Schreibtischstuhl trat und gab ihn damit die Gelegenheit, den im Mantel versteckten Eispickel hervorzuholen und ihn zu erschlagen. Das gelingt nicht sofort, denn trotz intensiven Trainings erwischte er Trotzkys Kopf nur seitlich. Trotzky konnte ihm noch den Eispickel entwinden und um Hilfe rufen.
Der schwerst verwundete Trotzky befahl noch seinen Leuten, den Attentäter am Leben zu lassen, damit er seine Geschichte offenbaren könne. Das gelang aber nicht. Trotz erdrückender Gegenbeweise bestand der Auserwählte unter Folter, vor Gericht und in während seiner zwanzigjährigen Haft darauf, der belgische Staatsbürger Jaques zu sein.
Nach seiner Entlassung ging er in die Sowjetunion, wo er mit dem höchsten Titel „Held der Sowjetunion“ geehrt wurde. Seine Mutter war schon vor ihm da gewesen, hatte die Härten des realsozialistischen Lebens aber nicht ausgehalten und es vorgezogen nach Spanien zurückzukehren und ihr Leben als kleine Versicherungsangestellte zu beenden.
Den Auserwählten hielt es auch nicht im Vaterland aller aufrechten Kommunisten, er ging nach Cuba, wo er hochbetagt starb.

Das Interessante an dem Film war, wie tief alle Akteure ihr Marionettendasein verinnerlicht hatten. Sie taten, was die Partei ihn befahl und waren sich möglicher Konsequenzen durchaus bewußt. Der Trainer des Auserwählten sagte, jeder würde beobachtet, alle könnten vor dem Erschießungskommando enden. Wichtig wäre allein die Partei.

Jeder, dem nicht klar ist, wie gefährlich eine Einheitsmeinung ist, sollte sich diesen Film ansehen.
Der aktuelle Bezug ist, dass wieder massiv eine Einheitsmeinung gefordert wird. Wir sollten uns der Gefahr, die das bedeutet, bewußt sein.

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Triegel trifft Cranach – Der Bildersturm des Weltdenkmalrats Icomos

Am vergangenen Sonntag war die vorläufig letzte Gelegenheit, im Naumburger Dom die wunderbare Wiederauferstehung des in den Reformationswirren vor 500 Jahren zerstörten

Cranach-Altars durch den Erfurter Künstler Michael Triegel zu bewundern. Zahlreiche Besucher machten davon Gebrauch. Während der halben Stunde, die ich vor dem Altar stand, sind etwa fünfzig Menschen mit mir da gewesen. Wir standen nicht nur gebannt davor, sondern gingen mehrmals um den Altar herum, um jedes Detail zu bewundern. Die Arbeit von Triegel ist wirklich kongenial. Es ist, als reichten sich die Jahrhunderte die Hand.

Wir kamen untereinander ins Gespräch und waren uns einig: Cranach hätte die Ergänzung seines Werkes gebilligt. Eine Gegenstimme habe ich nicht vernommen.

Aber unter den „Experten“ oder auch Triegels Kollegen rief das die Neider auf den Plan. Icomos machte sich zur Stimme der Neider. Die Argumente, die es in den Raum warf, das Kunstwerk beeinträchtige die „äußerst sensiblen Blickbeziehungen im Westchor“, ist mehr als dürftig. Jeder, der dort gewesen ist sieht, wie an den Haaren herbeigezogen diese Behauptung ist. Uta blickt völlig frei auf den Altar. Regelindis lächelt ihm gar zu.

Der Cranach – Altar wurde in einer Zeit aufgestellt, die viel mehr von Schönheit und Harmonie verstand als wir heute.

Icomos war anscheinend selbst klar, auf welch schwachen Füßen sein Argument steht und des halb warf es ohne jeden Beleg eine drohende mögliche Aberkennung des Welterbetitels für den Dom in den Raum. Das gab dann für die Politik offensichtlich den Ausschlag, von dem Projekt, das u.a. auch von der Landesregierung Sachsen-Anhalt unterstützt worden war, feige abzurücken.

Kulturminster Reiner Robra spielte da eine besonders peinliche Rolle. Er fiel öffentlich um, stützte Icomos Behauptungen und verlieh ihnen damit erst Glaubwürdigkeit.  Die Landesregierung verkürzte eilfertig die Ausstellungszeit von drei Jahren auf wenige Monate. Ausgerechnet in der Adventszeit ist der Altar jetzt abgebaut worden.

Kurz vorher versuchten die Domstiftung noch mit den Gegnern des Triegel-Altars auf einer Tagung ins Gespräch zu kommen. Die kniffen aber allesamt.

Minister Robra bleib fern mit der absurden Begründung, es handele sich um keine politische Frage, also müsste er nicht Stellung nehmen. Hat er gedacht, dass die Öffentlichkeit vergessen hat, dass er sich bereits als Politiker geäußert und gehandelt hatte, oder war es ihm egal? Auch der Icomos-Mann, der die Debatte losgetreten hatte, erschien nicht. Er wäre auch mit Pauken und Trompeten untergegangen,

Zuvor war bekannt geworden, dass der Professor für Denkmalpflege und Icomos-Experte Achim Hubel zurückwies, dass es zu einer Aberkennung des 2018 verliehenen Welterbetitels käme, falls der Altaraufsatz nicht abgebaut würde.

Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein Eintrag in die „Rote Liste“ des gefährdeten Welterbes. Da müsste erst nachgewiesen werden, dass der Altar eine Gefährdung darstellt.

In diesem Falle müsste mit der Unesco verhandelt werden, wie man die Aberkennung des Titels verhindern könnte – ein Prozess, der sich normalerweise über Jahre hinwegzieht.

Hubel ist aber der Meinung, dass er sich „die Keule der Roten Liste überhaupt nicht vorstellen kann“.

Weil der drohende Verlust des Welterbetitels auch ein unsicheres Argument ist, wurde noch nachgeschoben, dass der Altar angeblich nie im Westchor gestanden hätte. Diese Behauptung ist ebenso aus der Luft gegriffen, wie die beiden anderen.

Der Triegel-Altar nimmt auf subtile Weise Bezug auf die Stifterfiguren. Der Naumburger Meister schuf mit seinen zwölf Stifterfiguren, konzipiert für die Architektur des Westchors, einen geschlossenen Zyklus, der nach Thema und Aufstellungsort in der europäischen Kunst etwas völlig Neues bedeutete. Die in Lebensgröße abgebildeten Figuren sind Idealvorstellungen von Personen, die seit zweihundert Jahren verstorben waren, aber in moderner Kleidung abgebildet wurden.

Auch Triegels Figuren, besonders die hinter dem Vorhang im Rücken von Maria, sind ganz zeitgenössisch, Ein Gesicht trägt nach meinem Empfinden die Züge Dietrich Bonhoeffers. Insofern ergänzen sich Stifterfiguren und Altar.

Der große, sogar verhängnisvolle Fehler der Altargegner ist, dass sie verkennen, dass Leben Veränderung bedeutet, einen bestimmten Zustand fixieren zu wollen, ist nicht nur lebensfremd, sondern lebensfeindlich. Kirche ist ein lebendiger Ort und muss es bleiben. Das darf nicht dadurch konterkariert werden, dass beim Denkmalsschutz allzu oft persönlich Ansichten manifestiert werden, die diesem lebendigen Prozess entgegenstehen.

Der Willen der Domstifter, der Zerstörung nicht das letzte Wort zu lassen, ist dagegen zu unterstützen. Bei Triegel ist er auf der Rückseite des Altars ins Bild gesetzt.

Der triumphierende Jesus, umflattert von Schmetterlingen, den Urbildern der Schönheit, ist ein starkes Symbol der Stärke des Glaubens und der Hoffnung auf die Wiedergeburt des Lebens.

Das ist genau das, was wir heute brauchen. Triegel muss seinen rechtmäßigen dauerhaften Platz im Dom erhalten!

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Impressionen aus dem Latium 2

Unsere nächste Station, die kleine Stadt Palestrina, war schon eine blühende Gemeinde, bevor Rom gegründet wurde. Sie ist ein lohnendes Ziel für Kultur- und Naturliebhaber. Bereits von weitem sieht man das terrassenförmig angelegte antike Heiligtum der Fortuna Primigenia am steilen Monte Ginestro.  Auf dessen oberster Ebene befindet sich heute der Palast Barberini, in dem sich das Nationale Archäologische Museum befindet, wegen dem die meisten Besucher nach Palestrina kommen. Zum Palast führen amphitheaterartige Stufen, von denen man eine atemberaubende Aussicht auf das Land hat. Wenn der Betrachter aber nur oben bleibt, entgeht ihm das großartige Ausmaß der Anlage des Heiligtums. Man muss es von unten sehen. Jahrhundertelang war die Anlage überbaut. Im Mittelalter war sie fast komplett von Wohnhäusern bedeckt und geriet in Vergessenheit. Erst durch von Bombardierungen im 2. Weltkrieg verursachten schweren Schäden kam das Heiligtum unter den Trümmern zum Vorschein. Die Stadt fasste den beherzten Entschluss, Grabungen zu veranlassen und die Fundstücke in einem Museum zu präsentieren, das bereits Mitte der 50er Jahre eröffnet wurde. Es erlangte schnell überregionale Bedeutung. Der Höhepunkt der Schau ist das so genannte Nilmosaik, eine wunderbar feine Arbeit, deren Bilderreichtum erstaunt. Von Äthiopien bis zum Nildelta erstreckt sich die Erzählung, die bis heute nicht ganz entschlüsselt ist.

Aber auch alle anderen Ausstellungsstücke zeugen vom Reichtum, der Eleganz und dem Kunstverstand der vorrömischen Bewohner. Über 120 Adelsfamilien waren in Palestrina beheimatet. Nach der römischen Eroberung durch Sulla wurden 80 von ihnen vollkommen ausgelöscht.

Wer bei Palestrina an den Komponisten gleichen Namens denkt, hat recht. Er nannte sich nach seiner Heimatstadt. Sein Geburtshaus kann man besichtigen. Es beherbergt ein kleines ihm gewidmetes Museum. Zwischen 1895 und 1897 haben Thomas und Heinrich Mann mehrere Monate in Palestrina gelebt. Hier fing Thomas Mann an, die Buddenbrooks zu schreiben. Die Straße, in der er Quartier nahm, ist heute nach ihm benannt.

Weiter geht es nach Tivoli, die Stadt, die als Mutter aller Vergnügungsparks gilt.

Als Erster errichtete Kaiser Hadrian eine ausgedehnte Anlage, die Villa Adriana, als Sommerresidenz. Die können wir leider nicht sehen, denn sie ist wegen Personalmangels nicht zugänglich. Ein Problem, das uns immer wieder begegnet, besonders bei staatlich betriebenen Einrichtungen. Es soll eine prachtvolle Palast- und Gartenanlage u. a. mit künstlichen Seen, Wasserspielen und Theatern sein.

Auch im Mittelalter war Tivoli einer der wichtigsten Orte in der Umgebung von Rom. Mitte des 16. Jahrhunderts erbauter der italienische Maler, Antiquar, Architekt und Gartenarchitekt des Manierismus Pirro Ligorio für Kardinal Ippolito d`Este eine Gartenanlage mit über hundert Wasserspielen, -fällen und Fontänen. Um die zu speisen wurde ein Fluss umgeleitet.

Es ist eine Demonstration von Reichtum und Macht, die fast obszön ist. Dazu passt, dass in einer Sonderausstellung in der Villa Leni Riefenstahl mit Ausschnitten ihres Olympiafilms zu sehen ist. Es geht um den Körperkult, der durch die Jahrhunderte betrieben wurde, eben auch von den Nationalsozialisten.

Natürlich genieße ich die Kühle, die durch das allüberall sprudelnde Wasser erzeugt wird, denn wir haben wieder 30° C und Sonne, aber insgesamt lässt mich das Schauspiel eher kalt. Ich empfinde aber Genugtuung bei dem Gedanken, dass wir heute alle, die der Kardinal als gemeines Volk betrachtet hätte, seine Hinterlassenschaften genießen können.

Am nächsten Tag steht wieder ein Kardinalspalast auf dem Programm. Diesmal ist es der Farnesepalast in Caprarola, wegen seiner fast vollständigen Ausmalung mit Fresken.

Einer der bedeutendsten Paläste der Renaissance und des Manierismus befindet sich am Südostabhang der Monte Cimini, einem dicht bewaldeten vulkanischen Hügel. Ursprünglich ließ Kardinal Alessandro Farnese, der spätere Papst Paul III, ab 1520 von Antonio da Sagnello dem Jüngeren hier eine Festung über einem fünfseitigen Fundament errichten. Die Anlage war so raffiniert, dass sie sogar eine Art Tiefgarage für Kutschen erhielt. Die Bauarbeiten wurden gestoppt, als Alessandro 1534 zum Papst gewählt wurde und erst zehn Jahre nach seinem Tod 1559 wieder aufgenommen.

Auftraggeber und Bauherr war nun sein Enkel, der gleichnamige Kardinal Alessandro Farnese, genannt „il Gran Cardinale“ (der Große Kardinal). Weil sich der Ort auch als Sommerfrische eignete, entschied er sich, die Festung zu einem Residenzpalast umzubauen.  Er tat das auch deshalb, weil ihm von seinen Ärzten zu häufigen Aufenthalten in gesunder Luft geraten wurde.

Wer den Palast betritt, dem wird schnell klar, warum Allessandro der Große genannt wurde. Hier ist alles groß: Das Gemäuer, die Säle, die Privaträume, die Malereien. Dem Mann scheint seine Bedeutung zu Kopf gestiegen zu sein, denn er verglich sich selbst mit Herkules, der wiederholt als Motiv in den Fresken auftaucht.

Die oberen Räume werden durch spiralförmige Treppen erreicht, deren wichtigste, die Königstreppe, von atemberaubender Schönheit ist. Der Besucher möchte instinktiv verweilen, um die Pracht zu genießen, wird aber durch ein Schild ermahnt, nicht stehen zu bleiben. Zum Glück gibt es außer uns keine Besucher, so dass wir das Gebot missachten können, ohne einen Touristenstau zu verursachen.

Im Arbeitszimmer umgab sich der Kardinal mit den Abbildern von antiken Philosophen. Die Zeitgenossen, wie Pico della Mirandola scheint er nicht so geschätzt zu haben.

Immerhin wird der Bibliothekar abgebildet, der die Erzählungen für die Fresken geschrieben hat, mit dem dicken Band seiner Niederschriften in der Hand.

In seinem Schlafzimmer feierten die Gemälde die Fleischeslust, auch mit pornografischen Abbildungen.

Die Fresken stellen ein einzigartiges Zeugnis manieristischer Kunst dar. Unter der Leitung der Brüder Taddeo und Federico arbeitete eine ganze Schar von Künstlern daran. Die Basis des Dekors besteht aus Groteskenmalerei, wie sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Raffael nach antiken Vorbildern neu erfunden worden war. In die Grotesken sind mythologische, allegorische, biblische und historische Szenen eingearbeitet.

Trotz der hohen Kunstfertigkeit fühle ich mich nach einer Stunde wie erschlagen und frage mich, wie man hier leben konnte. Hat man das irgendwann nicht mehr gesehen, oder gewöhnte man sich daran, wie der moderne Mensch an eine grellbunte Tapete?

Ich atmete jedenfalls auf, als ich den Ausgang zum Garten erreichte, der als Landschaftspark angelegt ist. Unter den hohen Pinien ließ es sich gut spazieren. Es ging sanft bergauf, in der Ferne war ein Gartenhaus auszumachen, zu dem eine Wassertreppe führte. Diese Anlage beeindruckte mich mehr als die hunderten der Villa d´Este. Stieg man hinauf und umrundete das Gebäude, öffnete sich ein neuer Raum, bekränzt von schlanken Säulen. Diesen Blick hatte Prince Charles, als er hier als Gast der italienischen Regierung übernachtete. Wir bekamen diese Information just an dem Tag, als aus dem Prinzen nach 70 Jahren Warten endlich ein König wurde.

Der Kardinal Alessandro mag ein schlimmer Finger gewesen sein, aber er hat viel Schönheit hinterlassen, die heute nicht nur seiner Royal Highness, sondern allen zur Verfügung steht.

Das Gegenstück zu den Palästen und ihren Gärten ist der „Heilige Wald“, ein Skulpturenpark, den Vicino Orisini, letzter Feudalherr von Bomarzo, Dissident und Philosoph, in der Mitte des 16. Jahrhunderts in mehr als 30 Jahren anlegen ließ. Er widmete ihn seiner 1564 verstorbenen Frau Giulia Farnese, deren Tod er anscheinend nie verwunden hat. Die Anlage ist einmalig und gibt bis heute Rätsel auf.

Durch einen Obstgarten gelangt der Besucher über einen Bach, der sich durch das Tal des Sacro Bosco schlängelt, in den Heiligen Wald.

Die über 30 Skulpturen und architektonischen Kompositionen aus dem lokal reichlich vorhandenen Peperin-Gestein vulkanischen Ursprungs stehen auf einem etwa 2 km² großen Areal. Neben Monumentalskulpturen, kämpfende Giganten, Frauengestalt auf Schildkröte, Nymphen und Brunnen, gibt es ein kleines Theater im griechischen Stil, ein schiefes Haus und eine von griechischen Vasen umgebene Terrasse, um die sich weitere Monumentalplastiken gruppieren: Neptun, ein Delfin, eine schlafende Frau, ein Drache, Ceres und ein Elefant.

Was diese Figuren bedeuten, was Orsini seinen Besuchern damit sagen will, darüber streiten sich die Gelehrten bis heute. Mir fiel auf, dass die Säulen, die ich vor wenigen Stunden im Park des Farnesepalastes gesehen hatte, hier auch stehen und wie eine Karikatur der Originale wirken. Will sich Orsini über seine prunksüchtigen Zeitgenossen lustig machen, ihnen den Spiegel vorhalten. Und was bedeuten die verschobenen Perspektiven des schiefen Hauses?

Schaurig wird es beim Rachen de Orcus durch den man in eine finstere Kammer steigen kann, in der ich sofort Platzangst bekomme. Wieder draußen quert man eine Freifläche mit einer monumentalen griechischen Vase in der Mitte; vorbei an einer so genannten „etruskischen Sitzbank“ und gelangt zu einer weiteren Terrasse begrenzt von steinernen Pinienzapfen und Eicheln. Auch diese Terrasse ist mit Skulpturen umgeben, dem mehrköpfigen Höllenhund Cerberus, zwei Furien, zwei Bären mit dem Familienwappen der Orsini, Löwen und Sirenen.  

Nach dem Tod von Orsini kümmerte sich Niemand um die Anlage, sie wuchs zu. Aber ihr Ruf blieb offenbar lebendig, denn Goethe war hier und kämpfte sich durch das Dickicht zu den Figuren durch. Wenn er Tiefgründiges dazu geäußert haben sollte, ist mir das wenigstens nicht bekannt.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die verwitterten und völlig zugewachsenen Skulpturen wiederentdeckt. Salvador Dali war 1938 einer der ersten prominenten Besucher des Parks. Er scheint ihn inspiriert zu haben, denn einige seiner Motive verarbeitete er offensichtlich in seinem Gemälde Die Versuchung des Heiligen Antonius von 1946. Im Jahr 1954 erwarben Giancarlo Bettini († 30. Juli 1997) und seine Frau Tina Severi Bettini († 28. Juli 1987) das komplette Areal und kümmerten sich um eine flächendeckende Instandsetzung. Danach wurden Historiker und Kunsthistoriker auf die Anlage aufmerksam. Es erschien eine Reihe von Veröffentlichungen, die das Interesse des Publikums weckten. Heute ist der Park ein beliebtes Ausflugziel und ein Wirtschaftsfaktor der kleinen Gemeinde.

Die fröhlichen Ausflügler, konnte ich beobachten, machten sich wenig Gedanken um mögliche Interpretationen und philosophische Hintergründe. Für sie scheinen die Skulpturen eine Art Disneyland zu sein, geschaffen zum reinen Vergnügen. Selbst wenn das nicht Orsinis Absicht gewesen sein sollte, ist der Zweck seiner Schöpfung nicht verfehlt.

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Impressionen aus dem Latium

Rom liegt im Latium, das an die Toskana und Umbrien grenzt, aber etwas abseits des touristischen Interesses liegt. Schon die Reisenden der berühmten Grand Tour ließen es eher links liegen, auch heute sind die Besucher aus aller Welt längst nicht so zahlreich, wie in anderen Landesteilen. Wer Rom besucht macht, wenn er genügend Zeit hat, einen Abstecher in die Albaner Berge, vorzugsweise zum Castel Gandolfo, aber das wars dann auch schon.

Das hat durchaus sein Gutes. Hier ist vieles erhalten geblieben, was anderenorts überbaut oder überformt wurde. Hier kann man auf den Spuren der Etrusker wandeln, die so viel zur römischen Zivilisation beigetragen haben, in der sie schließlich aufgelöst wurden. Hier findet man noch Relikte aus der Zeit der Herniker, von denen wir wenig wissen, weil sie nichts Schriftliches hinterlassen haben. Hier kann man Fresken aus dem 11. und 12. Jahrhundert bewundern, die nie übermalt worden sind, weil die Gegend ins weltgeschichtliche Abseits geriet. Außerdem gibt es atemberaubende Ausblicke auf Vulkanseen, das Thyrrhenische Meer, die Berge mit ihren Schwalbennester genannten Dörfern. Dazu ein berühmtes, nur hier zu findendes Licht, das weiche Konturen zeichnet und immer wieder Maler angezogen hat. Grund genug, uns dorthin aufzumachen.

Aber der Reihe nach.

Unsere Reise startete in Berlin mit Ryanair nach Rom. Maske trug nur noch, wer wollte, was nach zwei Jahren Zwang als befreiend empfunden wurde. Wie gut, dass es die Bilder aus dem maskenlosen Regierungsflieger gab! Leider mussten wir auf dem Rollfeld länger als eine halbe Stunde warten, ehe wir abheben duften, weshalb wir in den Feierabendverkehr nach Rom gerieten.

Zum Glück kannte unser Fahrer Ausweichstrecken, so dass wir sogar die berühmte Via Appia Antica überquerten, die nicht im Programm war. Heute sieht sie sehr idyllisch aus. Man kann die nicht überbauten Abschnitte auf dem alten römischen Pflaster erwandern. Die Straße und ihre nähere Umgebung sind als Regionalpark vor weiterer suburbaner Bebauung geschützt. Aber ich musste an die 71 v. Chr. nach der Niederlage des von Spartacus geleiteten Skalvenaufstands gekreuzigten 6.000 seiner Anhänger, die die Schlacht überlebten, denken. Eine Tat, mit der sich der siegreiche Feldherr Marcus Crassus Macht und Einfluss in Rom sichern konnte, seinen Namen aber auf ewig mit Grauen befleckt hat. Crassus endete wenigstens nicht friedlich. Nach der verlorenen Schlacht gegen die Parther im Juli 53 v. Chr. Wurde er während der Kapitulationsverhandlungen getötet. Nach Plutarchs Darstellung soll sein abgeschlagener Kopf im Rahmen einer Feier von einem griechischen Schauspieler während der Aufführung eines Stücks von Euripides präsentiert worden sein:

Unsere erste Station ist Castel Gandolfo, herrlich gelegen über dem Albaner See. Im Palast dieser Stadt residierten seit dem 17. Jahrhundert die Päpste im Sommer, wenn es in Rom brütend heiß war, hier aber vom See immer ein kühlendes Lüftchen aufstieg. Papst Franziskus hat die Residenz aufgegeben. Sie dient seit dem 21. Oktober 2016 als Museum.

Hier war 1767 auch Goethe, der von Rom eine dreiwöchige Auszeit im Haus eines englischen Kunsthändlers nahm. Ihn interessierte weniger die Nähe des Papstes, als eine schöne Mailänderin, mit der er in ein heftiges achttägiges Techtelmechtel verfiel. Aber ach, Maddalena Riggi war verlobt, was Goethe ernüchterte und in Gedanken zur unerreichbaren Charlotte in Weimar zurückbrachte. Als er später Maddalena noch einmal in Rom begegnete, war sie zwar entlobt, aber seine Abreise stand kurz bevor und ohnehin gehörte sein Herz inzwischen einer geheimnisvollen Römerin.

Zum Albanersee gibt es auch eine interessante Geschichte. Er füllte sich im Altertum immer mehr mit Wasser, so dass die höher gelegenen Siedlungen mit Überschwemmung bedroht wurden. In ihrer Not wandten sich die Bewohner an das Orakel von Delphi, das riet, dem abflusslosen See einen künstlichen Ausgang zu verschaffen. Das geschah in Form eines Tunnels. Seit einiger Zeit sinkt der Wasserspiegel. Offiziell heißt es, der Klimawandel sei die Ursache dafür. Der wirkliche Grund sind eher die illegalen Wasserentnahmen, die anscheinend immer noch nicht beendet wurden. Immerhin sind durch den Rückgang des Wassers am Ufer Sandstrände entstanden, wo man baden und einen Drink an den flugs gebauten Strandbars genießen kann. Der See ist noch 170m tief, man kann also hoffen, dass vor seinem endgültigen Verschwinden noch rechtzeitig Schutzmaßnahmen getroffen werden.

Quartier nehmen wir im Hotel Terme in Fiuggi, das ich wegen der wunderbaren Massagen, die man dort bekommt, wärmstens empfehlen kann. Von der Stadt, die auch über ein altes jüdisches Viertel verfügt, habe ich leider nichts gesehen, denn es standen interessantere Orte auf dem Programm.

Unser Ziel am nächsten Tag war Anagni, eine Stadt, die malerisch ein Berg hinabfließt. In Vorzeiten galt der Ort wegen seiner vielen heidnischen Tempel als Hauptstadt der Herniker, eines der untergegangenen Völker der Gegend. Im frühen Christentum errichteten die Bewohner von Anagni über 70 Kirchen. Es diente im Mittelalter als Residenz von Päpsten und Ort von Konklaven. Hier residierten vier Päpste, von denen einer, Bonifatius VIII Berühmtheit erlangte, als er am 7. September 1303 in seiner Residenz von einer Bande bewaffneter in französischen Diensten überfallen und von deren Hauptmann Colonna geohrfeigt wurde. Dann versuchten die Häscher den 68-jährigen Pontifex zu entführen, wurden aber ihrerseits von den beherzten Bürgern attackiert und mussten Bonifatius nach drei Tagen wieder freilassen. Der Vorfall ging als Attentat von Anagni in die Geschichte ein. Bonifaz VIII zog sich nach Rom zurück, wo er nach einem Monat starb. Der Überfall auf ihn wurde Anlass zur Verlegung der Papstresidenz nach Avignon.

Als ob das nicht schon genug Historie wäre, exkommunizierte Gregor IX. Friedrich II, den Kulturförderer und Islamversteher auf dem Thron, gleich zweimal (1227 und 1239) an diesem Ort.

Danach wandte sich die Geschichte von der kleinen Stadt ab, was dazu führte, dass die herrlichen Malereien in ihrer Krypta in zum Teil staunenswertem Erhaltungszustand zu bewundern sind. Unsere Führung durch diese Malereien dauerte zwei Stunden und konnte uns nur einen Teil der Schätze näherbringen. Nicht umsonst wird die Krypta als Sixtinische Kapelle von Latium bezeichnet.

Absolut sehenswert sind auch die Fußbodenmosaiken aus römischer

Zeit, die in ungewöhnlicher Feinheit ausgeführt sind.

Man müsste wenigstens einen Tag in Anagni verbringen, aber die heutigen Reisen sind auf Tempo angelegt. Wir besuchen deshalb Altari, das für seine zyklopischen Mauern berühmt ist. Sie sind auf der Akropolis der Stadt perfekt erhalten geblieben. Der erstaunte Zeitgenosse fragt sich, wie das Volk der Herniker es ohne die modernen Hilfsmittel fertiggebracht hat, diese Riesenblöcke aufeinanderzuschichten. Wir wissen nichts von ihnen, außer dass sie existierten und auf ihren Mauern die römische Zivilisation aufgebaut wurde. Sie haben keine Aufzeichnungen, keine Bilder hinterlassen, nur diese jahrtausendealten Zeugnisse ihrer Baukunst. So viele Völker haben bereits auf der Erde gelebt und sind verschwunden. Ich frage mich, welches Bauwerk des 20. Jahrhungerts solche Zeiträume überdauern könnte. Was hinterlassen wir den künftigen Generationen? Wieso glauben wir, wir seien vor dem Verschwinden gefeit?

Zum Abschluss des Tages besuchen wir die älteste Zisterzinserabtei im Latium in Casamari. Das Kloster wurde wiederum auf den Ruinen der Römerstadt Cereatae errichtet. Es hat seinen Namen (Casa Marii = Haus des Marius) von dem dort geborenen römischen Konsul Gaius Marius. Es war zunächst seit 1009 Kollegialstift des Bistums Veroli und wurde um 1030/1035 in eine Benediktinerabtei umgewandelt. Trotz seiner wechselvollen Geschichte mit Zerstörungen und Plünderungen ist es gelungen, das Kloster als lebendigen Ort bis heute aufrecht zu erhalten. 1929 bildete Casamari eine eigene Zisterzinserkongregation, die einige Klöster errichtete oder wiederbesetzte, speziell in Äthopien, wo das Christentum  noch lebendiger ist, als in Europa. Vielleicht kommen ja die Impulse, die für sein Überleben wichtig sind, aus Afrika.

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Eine Sekunde

Dieser chinesische Film hätte aus mehreren Gründen eine große Bühne verdient. Aber er wird nur in kleinen Kinos, meist nachmittags, gezeigt und der Saal ist fast leer. Bei der Vorstellung gestern in den Hackeschen Höfen waren außer mir nur drei Zuschauer anwesend.

Dabei ist über dieses Werk viel geschrieben und spekuliert worden. Er sollte auf der „Berlinale“ 2019 gezeigt werden, wurde aber nur vier Tage vor der Aufführung aus „technischen Gründen“ zurückgezogen. Die französische Jurypräsidentin Juliettte Binoche bedauerte bei der abschließenden Preisverleihung im Namen der gesamten Jury, dass der Film nicht gezeigt werden konnte, vermied aber direkte Kritik an der chinesischen Regierung. Ein im Westen nur zu übliches Vorgehen.

„Zhang war eine wichtige Stimme im internationalen Kino. Wir brauchen Künstler, die uns helfen, die Geschichte zu verstehen […] Wir hoffen, dass dieser Film bald auf der ganzen Welt zu sehen sein wird.“

Inzwischen ist der Film zu sehen und er trägt sehr viel zur Aufklärung über die Geschichte der Mao-Diktatur bei, obwohl er offensichtlich entschärft werden musste. Die Film-Crew kehrte an den Drehort zurück und mehrere Szenen wurden neu gedreht. Andere wurden umgeschnitten. Was übrig blieb, ist eindrucksvoll genug.

Gezeigt wird die Geschichte eines aus der Lagerhaft geflohenen politischen Gefangenen der Kulturrevolution, der sich unter Lebensgefahr durch die Wüste Gobi schlägt, um in einem Oasendorf an einer Filmvorführung teilzunehmen. Sein Interesse gilt aber nicht dem propagandistischen Hauptfilm, sondern der Wochenschau 22, in der seine 14jährige Tochter, die er seit sechs Jahren nicht gesehen hat, zu sehen sein soll.

Schon der Filmbeginn ist grandios:

Es wütet ein furchtbarer Sandsturm. Der Himmel verdüstert sich, der Wind treibt den Flüchtling vor sich her, es herrscht ohrenbetäubender Lärm. Es sind stürmische Zeiten voller Gewalt. Dieser Sturm sagt mehr, als es Bilder aus dem Lager könnten. Er symbolisiert den einsamen Kampf gegen eine scheinbar unbezwingliche Übermacht. Diese Szene ist existenziell und zeugt von der souveränen ästhetischen Meisterschaft des Regisseurs Zhang Yimou, einem der ganz Großen des chinesischen Films. Im Film erzählen Farbe, Licht und Bildkomposition eine komplexere Geschichte als der vergleichsweise schlichte Plot um eine gestohlene Filmrolle.

Offiziell wurde das Werk als eine Hommage an das Zelluloid-Kino beworben und das ist es auch. Es ist aber eben viel mehr: Ein Blick auf die Verhältnisse im kommunistischen China während der Kulturrevolution. Während im Westen die Linken begeistert Mao-Bibeln lasen und mit Bildern des Diktators gegen das demokratische „Schweinesystem“ demonstrierten, lebten die Chinesen in ärmlichsten Verhältnissen.

Organisiert in durchnummerierten Arbeitseinheiten, die voneinander abgeschottet waren, hungrig, am Rande des Existenzminimums. Selbst die Mitglieder der „Sicherheitsbrigade“, die mit Holzknüppeln bewaffnet den Geflohenen einfangen und ins Lager zurückbringen, hoffen auf eine anständige Mahlzeit als Belohnung.

Bevor er abgeführt wird, hat der Geflohene aber sein Ziel erreicht. Er konnte seine Tochter sehen, die tatsächlich für eine Sekunde in der Wochenschau auftaucht. Nachdem alle Dorfbewohner nach der Vorstellung den Kinosaal verlassen hatten, baut der „Onkel Filmvorführer“, eine Respektsperson im Dorf, der man sofort einen Tisch in der Kantine frei macht, eine Schleife in der die Sekunde Tochter immer wiederholt wird. Dann geht er die Sicherheitsbrigade holen. Für die Auslieferung verlangt er, Filmvorführer bleiben zu dürfen.

Auch die Figur des Kino-Onkels ist komplex angelegt. In einem scheinbar unbewachten Augenblick steckt er dem bereits gefesselten Häftling ein Bild seiner Tochter zu.

Genauso komplex ist auch die Beziehung zwischen dem Geflohenen und dem Waisenmädchen Liu, das die Filmrolle stiehlt, um aus den Filmstreifen einen Lampenschirm zu basteln. Wie die beiden, die sich anfangs bis aufs Messer bekämpfen, Freunde werden, ist eine berührende Geschichte für sich.

Ein anderes Beispiel für die drückende Armut ist der geistig behinderte Sohn des Filmvorführers, der als Kutscher arbeitet, seine Peitsche reparieren musste und dafür den Klebestreifen an der Filmrolle entfernt, mit dem Ergebnis, dass der Film aus der Rolle in den Straßenstaub fällt und abgewickelt wird. Wie aus dem staubigen Gewirr wieder ein vorführbarer Film wird, ist allein wert, das Meisterwerk gesehen zu haben.

Hinzu kommen unvergessliche Bilder von der Wüste Gobi, mit dem schneebedeckten Hochgebirge am Horizont.

Das Filmende ist garantiert von der Zensur so gewollt. Zwei Jahre nach seiner erneuten Inhaftierung kommen die Lagerhäftlinge auf Grund einer neuen Direktive frei. Ausgestattet mit frischen Mao-Uniformen dürfen sie nach Hause gehen. Aber der Ex-Häftling geht nicht zu seiner Familie, die ihn im Lager nie besucht hat, sondern in das Oasendorf. Das Waisenmädchen sieht inzwischen auch nicht mehr abgerissen aus, sondern trägt eine adrette Jacke und Zöpfe, wie das revolutionäre Mädchen im Propagandafilm.

Aber das ist nur eine kleine Sequenz, die dem Meisterwerk keinen Abbruch tut.

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Die Ausstrahlung Mexikos oder der Mythos des Besitzens

Berlin ist immer noch eine Kiezstadt, das heißt, man kommt selten über seinen Kiez hinaus. Pankow, Prenzlauer Berg, Weißensee und Mitte, was braucht man mehr? Es gibt wenig Grund, nach Neukölln zu fahren und deshalb habe ich von der Neuköllner Oper bisher nichts mitbekommen. Ein großes Manko, wie ich bei der Premiere von „Mexiko Aura: The Myth of Possession“, die ich im Humboldt-Forum gesehen habe, feststellen musste. Die Truppe verfügt über starke Stimmen und grandiose Tänzer, die eine neuartige und ungewohnte Inszenierung zum Erlebnis machen.

Die Idee entstand, wie das Programmheft verrät, bei der Begegnung mit der mexikanischen Komponistin und Sängerin Diana Syrse, die auch eine der beiden Hauptrollen übernommen hat und dem Tänzer und Choreographen Christopher Roma. Es sollte versucht werden, über Musik, Tanz, mehrsprachigem Text, Körper und Stimmen die Kulturen Mexikos einzufangen. Das ist gelungen.

Ich gesteh, dass ich keine Freundin moderner Kompositionen bin, aber Syrses Musik hat mich nach kurzer Eingewöhnung in ihren Bann gezogen. Sie hat etwas Magisches. Das liegt nicht nur an den präspanischen Instrumenten aus Mexiko, die sie einsetzt, sondern an der Kunst, auch NichtIinstrumenten, wie Plastetüten, Töne abzuringen, was völlig neue Klangeffekte erzeugt.  Und dann die Symbiose, die Musik und Tänzer eingehen – das ist meisterhaft!

Mich hat die Dirigentin Melissa Panlasigui so fasziniert, dass ich ab und zu Gefahr lief, das Geschehen auf der Bühne zu verpassen. Bewundernswert, wie Panlasigui dafür sorgte, dass alle Einsätze auf den Punkt gebracht wurden.

Überraschend war, wie Teile von Reportagen des Claas Relotius von Texter John von Düffel aufgegriffen und für das Stück verarbeitet wurden. Schließlich scheint Relotius Mexiko ebenso wenig besucht zu haben, wie einst Karl May Amerika. Das war der weniger überzeugende Teil des Ganzen.

Einer der „Augenzeugenberichte“ von Relotius ist „Das Zuhause auf der größten Müllkippe Lateinamerikas“. Da ist das erschütternde Thema, dass Menschen von den Abfällen unserer Lebensweise existieren, eher unzureichend behandelt. Das hat Sebastian Fitzek in seinem Buch „Noah“ mit der Beschreibung der philippinischen Müllkippe 

viel überzeugender behandelt. Dazu kommt, dass das reinweiße Plastiktuch, in dem die Tänzer sich bewegten, auch eher an eine Wolke, als an einen Abfallhaufen erinnert.

Dafür ist Teil zwei, dessen Text von Eva Hibernia stammt, um so gelungener. In einem Museum begegnen sich des nachts eine Kuratorin und eine geheimnisvolle Künstlerin oder Aktivistin.

„In einem halb konkreten, halb mystischen Raum (Vier Mosaiksteine- vier Himmelsrichtungen- vier Farben) entfaltet sich eine Geschichte über ihr Verhältnis zueinander und über Traditionen und Mythen aus ihrem Heimatland“, so steht es im Programmheft. Und weiter, dass die Geschichten weniger komplex als in Stereotypen erzählt werden. Wenn das so sein sollte, sind es jedenfalls Stereotypen, die sehr komplexe Assoziationen auslösen.

Ganz mystisch wird es, wenn auf die Enema-Vase Bezug genommen wird, die demnächst im Ethnologischen Museum zu sehen sein wird. Sie zeigt Riten der Maya, die sich halluzinogene Substanzen durch den After einführen. Da die Figuren nackt sind, ist auch der vortragende Sänger nackt, was bei manchen Damen Herzrasen verursacht haben könnte, denn zwei verließen fluchtartig den Saal.

Aber das übergreifende Thema der Oper ist das Problem, was eine Kultur, die so viel Müll produziert, in der Tiefsee kann ein Plastebecher offenbar Jahrhunderte überdauern, ohne eine Spur von Verwesung zu zeigen, bedeutet. Was das für unser Leben heißt. Das Bühnenbild und die Kostüme von Sängern und Tänzern bestehen überwiegend aus Plastemüll. Mit roter Plasteplane kann man sogar ein Autodafé darstellen. Mit Müll kann man also Eindruck erzeugen.

Das ganze Stück atmet Untergangsstimmung. Es endet damit, dass der fälschlich für den 12. Dezember 2012 berechnete

Weltuntergang laut Mayakalender, die Schnapszahl 12.12.12 lag nur wenige Tage vor dem Ende des Kalenders, auf den 12.12. 22 verlegt wird.

Allerdings muss der Weltuntergang nicht das Ende, sondern könnte die Transformation, die durch die Sonne ausgelöst wird, bedeuten.

Da ist dann also der notwendige Hoffnungsschimmer am Schluss, den zweiTänzer darstellen. So viel Schönheit und Grazie darf einfach nicht enden!

Nächste Vorstellungen: 23., 24., 29. Juli im Humboldt-Forum

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Drei Musketiere im Schloss Sondershausen

Wo liegt denn Sondershausen, werden sich die meisten meiner Leser fragen. In der Mitte Deutschlands, wo Deutschland am deutschesten ist, wie ein bekanntes Politmagazin Mitte der Neunziger Jahre schrieb. In der Nähe befinden sich Fundstätten der Urgermanen. Aber auch sonst ist die Gegend geschichtsträchtig. Knappe 20 km Richtung Osten liegt der Schlachtberg, wo das Bauernheer von Thomas Müntzer vernichtend geschlagen wurde. Heute ziert das im Volksmund so genannte „Elefantenklo“ die weggesprengte Spitze des Berges, das Werner Tübkes phänomenales Bauernkriegsgemälde beherbergt. Außerdem ist da noch, das kleinste, aber artenreichste Gebirge Deutschlands, der Kyffhäuser, wegen seiner Steilkurven besonders beliebt bei Bikern.

Der neueste Grund, sich nach Sondershausen zu begeben, sind die eben eröffneten Schlossfestspiele, die nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder im Innenhof zwischen Renaissance- und Barockflügel stattfinden.

Die erste Premiere fand am vergangenen Freitag statt: „3 Musketiere“, ein Musical nach der berühmten Geschichte von Alexandre Dumas, dem Älteren. Ich bin kein besonderer Musicalfan, ich bevorzuge Oper.

Aber diese Aufführung zog mich sofort in ihren Bann und ließ mich bis zum Schluss nicht mehr los. Das lag einerseits an der wunderbaren Musik und der Handlung, die mit Witz, Leichtigkeit und Spannung überzeugte, ohne ins Pathos abzugleiten. Man fragt sich, warum das Werk von Rob und Ferdi Bolland so selten auf den Spielplan gesetzt wird. Das liegt vor allem aber an der überragenden Inszenierung (Sabine Serker), bei der alles stimmt: Hervorragende Sänger, ein tolles Bühnenbild (Wolfgang Kurima Rauschning), phantastische Kostüme (Anja Schulz-Hentrich). Auch Chor und Ballett des Theaters Nordhausen müssen keinen Vergleich scheuen. Die Stammtruppe ist seit Jahren in hervorragender Form, bietet erstklassige Sänger und Tänzer.

Seit Beginn der Schlossfestspiele gehört es zum Konzept, jungen Sängern die Möglichkeit zu bieten, in großen Rollen ihr Können zu zeigen. Auch diesmal ist es gelungen, sehr gute Stimmen zu verpflichten.

Da ist natürlich zuerst der hervorragende Tobias Bieri als D’Artagnan zu nennen, der auch ein beträchtliches schauspielerisches Talent mitbringt. Daneben Eve Radis als Milady de Winter, die sowohl gesanglich, als auch mimisch und sogar beim Fechten erste Klasse bietet. Nicky Wuchinger als Arthos läuft bei seinem Solo „Lady aus Kristall“ zu Höchstform auf. Marian Kalus überzeugt als Richelieu. Laura Saleh ist eine wunderbare Konstanze.

Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nur diese Sänger nenne, denn der Rest der Truppe ist kongenial.

Dabei ist die Inszenierung sehr anspruchsvoll, mit vielen schwierigen Szenen, die leicht ins Auge gehen könnten. Aber die rasanten Fechtszenen sind hervorragend einstudiert von Philipp Franke, der sowohl für die Choreografie als auch für das Training verantwortlich ist.

Die Aufführung ist Augenweide und Ohrenschmalz zugleich, gute Unterhaltung, ohne mit Zuschauerbelehrung zu nerven, wie es heute leider allzu üblich geworden ist. Die Reminiszenz an den Zeitgeist sind Conferncier und Punk, die in das Stück einführen. Christopher Werneke entwickelt dabei aber so viel Charme, dass er schon zu Beginn das Publikum hinreißt und den verdienten ersten Applaus bekommt.

Nur an einer Stelle bricht die Realität ein: Als der Krieg zwischen Frankreich und England dargestellt wird, erinnern die am Schluss der Szene auf die Zuschauer gerichteten Kanonenrohre beklemmend an den Krieg in der Ukraine.

Am Ende der Vorstellung ist der Schlosshof in romantische Dunkelheit getaucht, die Zuschauer wollen lange nicht mit Klatschen und Bravo-Rufen aufhören. Wie gut, dass die Gastronomie wieder zugelassen ist, so dass man den Genuss mit einem guten Wein oder Cocktail krönen konnte.

Nächste Vorstellungen:

9., 13., 14., 16., 20., 21., 23. Juli.

Karten gibt es hier:

https://theater-nordhausen.de/schlossfestspiele/3-musketiere-2017

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Liebe in Zeiten des heißen Krieges

„Abteil 6“ des finnischen Regisseurs Juho Kuosmanen sollte, obwohl in Cannes 2021 preisgekrönt, gar nicht in unsere Kinos kommen. Ein Film, über die Annäherung zwischen einer Finnin, die in Moskau Archäologie studiert und einem Russen, der zur Arbeit nach Murmansk ins Bergwerk fährt, um Geld für sein eigenes Unternehmen zu verdienen, geht in Zeiten des russischen Überfalls auf die Ukraine gar nicht, dachten die Aktivisten der cancel culture. Zum Glück setzten sie sich nicht durch und wir können zumindest in den kleinen Kinos den wohl schönsten Film, der in den letzten Jahren gedreht wurde, sehen. Wir hätten die talentierte Seidi Haarla und den hinreißenden Yuriy Borisow verpasst und die eindrücklichen Bilder russischer und karelischer Landschaft neben den Schienen.

Die Geschichte ist ein auf die Schienen verlegtes Roadmovie. Laura, die finnische Studentin, die unglücklich in die schöne, flatterhafte Mitstudentin Irina verliebt ist, macht sich auf nach Murmansk, um dort die erst 1997 entdeckten Petroglyphen, steinzeitliche Felsenmalereien auf einer Inseln im Konozerosee, zu betrachten. Inzwischen sind 1300 Bilder entdeckt worden, die bisher noch nicht entschlüsselt werden konnten.

Laura und Ljoscha, die im Abteil 6 des Zuges von Moskau über St.Petersburg nach Murmansk aufeinandertreffen müssen sich auch entschlüsseln. Sie können scheinbar nicht unterschiedlicher sein. Ljoscha ist am Anfang das Bild eines ungehobelten, besoffenen jungen Mannes, der laut und übergriffig ist. So sehr, dass Laura entsetzt aus dem Abteil flieht und die Zugbegleiterin anfleht, ihr ein anderes zuzuweisen. Die kann oder will ihr nicht helfen, also muss Laura ihren unerwünschten Reisebegleiter ertragen.

Warum Kuosmanen die Figur des Ljoscha so negativ überzeichnet hat, wäre meine einzige kritische Frage, denn schon bald stellt sich heraus, dass hinter der ruppigen Schale ein sensibler Kern steckt. Das hätte man schon ahnen können, als er Laura förmlich zwingt, das Schneetreiben vor dem Fenster zu bewundern. Warum sie ihren Rucksack mitgenommen hätte, als sie in St. Petersburg telefonieren ging, wollte Ljoscha wissen. Ob sie glaube, dass er sie bestehlen, er sagt abziehen, wolle? Beklaut wird sie später von einem finnischen Mitreisenden, dem sie einen Platz im Abteil angeboten hat.

Warum sie immer so streng gucke und so wenig lache, wollte Ljoscha wissen, als sie sich im Zugrestaurant trafen, da würde sie doch schneller altern und Falten bekommen. Das wisse sie selbst, antwortete Laura, begann aber von da an ihren Mitreisenden mit anderen Augen zu sehen.

Von den Petroglyphen hatte Ljoscha noch nie etwas gehört. Er fand es irre, dass man wegen ein paar Zeichnungen hinter den Polarkreis fährt.

In Petrosawodsk am Onegasee machte der Zug über Nacht Halt. Ljoscha überredet Laura, mit ihm zu einer Bekannten zu fahren und dort zu übernachten, statt im Zug.

Sie willigt für sich selbst überraschend ein. Die Bekannte ist eine echte russische Babuschka, eine jener weise gewordenen Frauen, die zu Sowjetzeiten ihren Mann stehen mussten, um zu überleben.

Am Morgen hackt Ljoscha noch schnell Holz für die nächsten Tage.

Zum Abschied sagt die Babuschka, Laura hätte einen guten Mann gefunden.

Neben der sich still entwickelnden Liebesgeschichte zeigt der Film eindrückliche Bilder vom Leben in der russischen Provinz: Alte Frauen verkaufen an dem Gleisen, an dem der Zug hält, ihre handgemachten Erzeugnisse: Eingelegte Gurken, Pasteten, Kompott. Sie sind auf diesen Zuverdienst dringend angewiesen. Viele Orte, an denen der Zug Halt macht, bestehen aus altersschwachen Holzhütten. Trotzdem bekommt Laura auf einem ihrer Stadtgänge Geschenke, auch wenn es „nur“ Selbstgebrannter ist.

Kurz vor Murmansk sind sich die beiden so nahe gekommen, dass Ljoscha lieber verschwindet, als sich dieser unwahrscheinlichen Liebe zu ergeben.

In Murmansk erfährt Laura, das es im Winter unmöglich sei, zu den Petroglyphen zu gelangen. Ihr wird stattdessen empfohlen, an einer Tour „Heldenstadt Murmansk“ teilzunehmen. Das beschert dem Zuschauer interessante Bilder der einzigen Großstadt hinter dem Polarkreis, die zu Sowjetzeiten Sperrgebiet gewesen ist, weil der wegen des Golfstroms eisfreie Hafen Ankerplatz der Atom-U-Boot-Flottille war.

Am nächsten Tag fährt Laura zum Bergwerk, wo Ljoscha arbeitet und hinterlässt eine Nachricht für ihn. Er taucht daraufhin tatsächlich in ihrem Hotel auf und mit seiner Hilfe und der seiner Kollegen gelangt Laura durch Sturm und Schneegestöber zu den Felsenmalereien.

Das alles wird ruhig und ohne jeden Kitsch erzählt.

„Wars das?“, fragt Ljoscha, bevor sie den Rückweg antreten. „Ja“, sagt Laura. Nicht ganz, denn auf dem Weg zum Schiff spielen die beiden verliebt in Sturm und Schnee. Dann ist Ljoscha wieder weg und ein Kollege fährt Laura zu ihrem Hotel, Aber er hat eine Nachricht übergeben; Eine Zeichnung, die er von Laura am letzten Tag im Zug gemacht hat. Unter der steht: Haista vittu! Er glaubt, dass das „Ich liebe Dich“ bedeutet, aber es heißt: Fick Dich. Das hatte ihm Laura am Beginn ihrer Bekanntschaft auf seine Frage gesagt. Es zeigt, wie lang der Weg der beiden war. Mit Lauras Lächeln endet der Film, den man sich unbedingt ansehen sollte.

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Neo Rauch in Rudolstadt

Es gibt viele Gründe, nach Rudolstadt zu fahren. Die Stadt selbst wirbt damit, Schillers heimliche Geliebte zu sein. Ganz falsch ist das nicht. Tatsächlich hat Schiller hier im Sommer 1787 im Haus der Familien Beulwitz und Legefeld seine spätere Frau Charlotte von Legefeld und ihre ältere Schwester Caroline von Beulwitz kennen- und lieben gelernt. Angeblich soll es sich um eine zeitweilige Ménage á troi gehandelt haben. Im Haus der Schwestern begegnete er auch zum ersten Mal Goethe, womit sein brennenster Wunsch in Erfüllung ging. Im heutigen Schillerhaus, das in alter Schönheit auferstanden ist, wie die ganze Stadt, hat man in diesem Jahr die Beulwitzschen Freitagabende wiederbelebt, wo man sich zum Parlieren und Diskutieren zusammenfand.

Über der Stadt thront die Heidecksburg derer von Schwarzburg-Rudolstadt. Der Aufstieg zum 60 Meter über der Stadt liegenden Schloss ist schon atemberaubend wegen der grandiosen Aussicht auf das reizvolle Umland. Im Schloss ist u.a. das Landesmuseum beheimatet. In seinem Gewölbesaal ist seit dem 16. Oktober 2021 eine Sonderausstellung „Neo Rauch – Das Wehr“ zu sehen. Wegen des großen Erfolgs ist die Schau, die im Januar enden sollte, bis zum 24. April verlängert worden.

Neo Rauch ist neben Gerhard Richter der wohl höchstbezahlte deutsche Maler. Wie Richter stammt er aus der DDR. Aufgewachsen in Aschersleben bei den Großeltern, weil er seine  Eltern im alter von einem Monat verlor, erlernte Rauch sein Handwerk an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Von 1981 bis 1986 studierte Rauch Malerei bei Arno Rink, danach von bis 1990 war er Meisterschüler bei Bernhard Heisig

Im kleinen, aber feinen Lindenau-Museum in Altenburg waren Rauchs Bilder 1986 zum ersten Mal innerhalb einer Gruppenausstellung zu sehen. Inzwischen hat er es ins Metropolitan Museum of Art geschafft. er gilt als einflußreichster zeitgenössischer Maler.

 Für die in Rudolstadt ausgestellten 70 Arbeiten des Künstlers, neben einem halben Dutzend Großformaten vor allem kleine, weniger bekannte Zeichnungen aus seinem Privatbesitz, ist der Gewölbesaal der Heidecksburg der ideale Ort. Zurückhaltend und etwas geheimnisumwittert, wie ihr Schöpfer Rauch beschrieben wird, gehen Exponate und Umgebung eine Synthese ein. Die leuchtende Farbigkeit der Gemälde erhellt die Raumatmosphäre. Aufgestellte Hocker (politisch-korrekt im Corona-Abstand) ermöglichen es die Bilder in Ruhe sitzend in sich aufzunehmen. 

Mich hat vor allem „Das Kollegium“ in seinen Bann gezogen. Der Teufel selbst steht mit am Planungstisch, rechts davon ein Kollege, der seine Not als Transparent auf dem Rücken trägt. Rauch ist nicht leicht zu entschlüsseln. Man lässt sich nicht ohne ein gewisses Gruseln in seine Bilder hineinziehen. Rauch selbst räumte ein, dass das Böse eine gewisse Faszination auslöst. Es ist komplexer als das scheinbar platte Gute.

Seine besondere Farbigkeit ist, was alle Rezensenten an Rauchs Werken loben. Das kann man einfach nachvollziehen. Weniger einleuchtend ist die Behauptung eines Kritikers, Rauchs Bilder wären ironiefrei. Für mich sind sie, besonders, wenn man ihre Titel einbezieht, voller hintergründigem schwarzen Humor. Das war das Erste, was mir an seinen kleinen Zeichnungen auffiel. Der „Stromer“ vor einem Hochspannungsmast, der „Spießer“ mit dem Rucksack, aus dem ein Stock ragt, der „Rebell“ mit Megafon auf dem Scheiterhaufen, die „Förderer“ vor einem Schacht, aus dem etwas mittels Seilzug gehoben wird. Diese Szenen erzählen weniger eine Geschichte, als sie die Fantasie anregen. Das alles ist mit Meisterschaft gemalt. In der Zeichnung „Profilierung“ verweben sich die Körper zweier Köpfe so kunstvoll, dass Vor- und Rückseite gleichermaßen zu sichtbar werden.

Vor dem Eingang zum Gewölbesaal läuft ein kleiner Ausschnitt aus einem Film über Neo Rauch, der mit der Frage des Malers endet: „Wer bin ich, wenn ich nicht male?“ Das kann ein Besucher am Ende seines Rundgangs natürlich nicht beantworten.

Aber man selbst ist sich in der Auseinandersetzung mit Rauchs Kunst ein Stück nähergekommen. 

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Über Menschen – Juli Zehs erstaunlicher Roman

Mir geht es wie Juli Zehs Romanheldin Dora: Ich habe schon lange aufgehört, Gegenwartsliteratur zu lesen, außer ich kenne den Autor persönlich und weiß ihn zu schätzen. 

Dass ich zu Juli Zehs Buch griff, habe ich meiner Enkeltochter (23) zu verdanken, die Zeh in ihre Auszeit nach Teneriffa mitgenommen und schon gelesen hatte, als ich nachkam. Was sie mir von ihrer Lektüre erzählte, weckte meine Neugier.

Binnenflüchtling Dora, die aus ihrem Kreuzberger Heim in ein Brandenburgisches Gutsverwalterhaus zieht, wo sie ihrem Prenzlauer Berg-Kreativjob im Home-Office nachkommen will, wird von ihrem Nachbarn begrüßt mit: „Ich bin der Dorfnazi“. Ihren sofort einsetzenden erneuten Fluchtreflex kann sie nur entkommen, weil die Abneigung, nach Berlin zu ihrem Lebensgefährten zurückzukehren, stärker ist. Robert, bis dahin ihr Lebensabschnittspartner, war erst zum fanatischen Thunberg-Jünger, dann zum Corona-Fan mutiert. Als er ihr ernsthaft verbieten wollte, die gemeinsame Wohnung für einsame Spaziergänge zu verlassen, packte sie ihre Sachen. Das Haus hatte sie schon vorher heimlich gekauft.

Gote, ihr Nazi-Nachbar, ist nicht nur hässlich mit seinen dicken Tränensäcken, sondern gebärdete sich auch verbal abscheulich. Als erstes droht er, Doras kleinen Hund zu zertreten, sollte der noch einmal sein Frühkartoffelbeet umbuddeln. Die groteske Szene spielt sich an der Mauer ab, die beide Grundstücke trennt. Um sich am Ende ihres Vorstellungsgesprächs ganz altmodisch die Hand geben zu können, muss Dora auf einem Stuhl, er auf einer Obstkiste stehen. Dieses wacklige Arrangement soll sich in ihrer Beziehung als sehr stabil erweisen.

Gote verschwindet für ein paar Tage, als er wieder auftaucht, sägt und poliert er auf seiner Seite an einem halben Dutzend Paletten herum. Zum Glück entgeht Dora dem Lärm, weil sie an diesem Tag nach Berlin muss, um ihren Vater zu treffen, der alle 14 Tage in der Berliner Charité operiert und bei dieser Gelegenheit seine Kinder sehen will. Als sie nachts in ihr Haus zurückkommt, steht im ansonsten leeren Schlafzimmer ein Palettenbett, frisch geweißt. Als sie Gote am nächsten Tag fragt, warum er das gemacht hat, ist die Antwort: „Du hattest kein Bett“. Über den Hausschlüssel verfügt er, weil er sich um das Haus, als es leer stand, gekümmert hatte. „Einer musste es ja tun“.

Das es jemand war, der bei einer abendlichen Sause mit drei Freunden das Horst Wessel-Lied singt, verstört Dora zutiefst, gleichzeitig fühlt sie sich von diesem Kerl seltsam angezogen. Als vier frisch geweißte Küchenstühle vor ihrer Haustür stehen, will sie Gote verbieten, sie weiter zu beschenken. Dabei rutscht ihr ein: „Ich brauche keine Möbel, es sind ja nicht einmal die Wände gestrichen“ heraus.

Prompt hupt der Nachbar sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf, um mit ihr zum 18km entfernten Baumarkt zu fahren und Farbe zu kaufen. An der Renovierung beteiligen sich dann noch ein weiterer Nachbar und ein kleines Mädchen, wie sich herausstellt Gotes Tochter, die eigentlich mit ihrer Mutter nach Berlin gezogen ist, aber coronabedingt nicht in die Schule muss und zum Vater zurückgekehrt ist. 

Zehs Dorfpersonentableau wird ergänzt durch das schwule Paar Tom, Blumenhändler und Steffen, Kabarettist und Blumengesteckkünstler. Zwischen diesen Personen entfaltet sich die Handlung, die so unglaublich die Tücken des modernen Lebens aufdeckt, das eine ältere Person, wie ich, aus einem anderen Universum zu stammen scheint. 

Meine Generation hatte keine Probleme, ihr Leben zu genießen, brauchte weder Selbstoptimierung noch Social Media-Auftritte und schon gar kein Tinder (da musste ich erst mal nachschlagen, was das ist) für die Partnersuche. Bei den Diskussionen in meiner Studenten- und frühen Berufszeit ging es um Ästhetik, Philosophie, Literatur (die Klassiker von der Romantik bis zu Thomas Mann), aber höchstens am Rand um das Damoklesschwert der atomaren Bedrohung. Selbst in der Diktatur, in der ich lebte, gestatteten wir der Politik nicht, so bestimmend für unser Leben zu werden, wie es in Corona-Zeiten der Fall ist. Wie Zehs Hauptheldin begeisterten wir uns für Marin Luther Kings „I have a dream“. Ein starker, inspirierender Kontrast zu Gretas „How dare you!“, der die Gesellschaft spaltet. 

Dora passt nicht in die großstädtische Kunstwelt. Für sie ist die Provinz das Eintauchen in die Realität. Sie hatte immer geglaubt, keine Kinder zu mögen. Als die kleine Franzi in ihr Leben tritt, merkt sie, dass es ihr ehemaliger Lebenspartner Robert war, der den Kinderwunsch in ihr unterdrückt hat.

Keine Angst, aus dem Dorfnazi, der natürlich kein wirklicher ist, und der Kreativen wird kein Paar. Juli Zeh hat solch einen Kitsch klug vermieden. Sie lässt Grote an einem irreparablen Gehirntumor leiden, der ihn in einer Phase, wo es ihm noch einmal gut geht, Selbstmord verüben lässt. 

Das Gesellschaftspanorama, das Zeh in ihrem Buch entwirft, ist verstörend, aber nicht deprimierend, denn es gelingt ihr glaubhaft zu zeigen, dass es Hoffnung gibt.

Dora weiß nach Grotes Tod, dass es mehr gibt als die von Algorithmen gesteuerten Lebensläufe. Grote und Dora wären sich auf Tinder niemals begegnet, das hätten die Algorithmen ausgeschlossen. Insofern ist Zehs Roman auch eine Antwort auf Yuval Noahs Hararis in „Homo Deus“ geäußerte Befürchtung, eines Tages könnten uns die Algorithmen besser kennen als wir uns selbst. Der Mensch ist zu komplex dafür. 

Juli Zeh: „Über Menschen“

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Tod in Venedig bei Arte

Seit ich Luchino Viscontis geniale Verfilmung der Novelle von Thomas Mann zu ersten Mal gesehen habe, ist das mein absoluter Lieblingsfilm. Er kam Mitte der 70er Jahre auch in die Kinos der DDR und ich habe ihn wohl ein Dutzend Mal gesehen. Einmal wurden in der Thüringischen Provinz die Filmrollen verwechselt, der Schluß des Filmes wurde in der Mitte gezeigt und  die Mitte am Schluss. Wenn die Zuschauer das bemerkt haben sollten, habe ich nichts davon mitbekommen. Sie waren zu tief beeindruckt, um Fragen zu stellen. Ein andernmal nahm ich einen hohen FDJ-Funktionär meiner Sektion Philosophie mit in die Vorstellung. Er maulte etwas, warum er sich dieses bürgerliche Zeugs ansehen sollte, nach Venedig käme er ohnehin nie. Ich sagte ihm, er solle sich einfach am Anfang mit Dirk Bogade ins Boot setzen und mit ihm zum Lido rüber fahren. Er tat das anscheinend, denn er löste über die ganze Länge des Films nicht mehr den Blick von der Leinwand. Danach kaufte er sich alle verfügbaren Schallplatten mit Musik von Mahler, dessen Musik den Film kongenial untermalt.

Gestern Abend bei Arte habe ich „Tod in Venedig“ nach Jahrzehnten wieder gesehen. Er zog mich erneut in seinen Bann. Nicht nur das. Ich habe viel mehr in ihm gesehen, als früher. So ist das mit zeitlosen Meisterwerken. 

Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach hat mich schon damals fasziniert, aber was für ein unerreicht großartiger  Schauspieler er ist, weiß ich erst seit gestern. Er kann allein mit seiner Mimik alles ausdrücken, wofür sonst viele  Worte gebraucht werden. Er sagt in diesem Film nicht viel, denn er ist in Venedig allein und darauf beschränkt, Tadzio zu folgen. 

Die Erleichterung in seinem Gesicht, als er am Bahnhof, wo er in den Zug nach München steigen wollte, um seinem Konflikt zu entkommen, erfährt, dass sein Koffer aus Versehen nach Como geschickt wurde und er einen Vorwand hat, um ins Hotel zurück zu fahren. Die erwartungsvolle Freude bei der Überfahrt zum Lido, die scheue Anbetung, die er Tadzio bei den seltenen Aufeinandertreffen entgegen bringt – Bogarde ist auf der Höhe seiner Kunst.

Nur in den Rückblenden hat Bogarde mehr Text. Visconti hat Dialogszenen aus Manns „Doktor Faustus“ eingebaut, in denen es um das Problem der Schönheit, ist sie ein künstlerisches Produkt, oder ein spontanes Erleben und um Musikästhetik geht. Doch auch hier zeigt sich die Zerrissenheit des Komponisten Aschenbach eher in seinen Zügen, als in seinen Worten.

Das dieser Ausnahme-Schauspieler nie in Hollywood Fuß fassen konnte, kann nur darin liegen, dass es dort keinen Bedarf an Subtilität gibt. 

Das Arte diesen Film gerade jetzt ausgestrahlt hat, liegt daran, dass kürzlich der Dokumentarfilm „The Most Beautiful Boy in The World“ auf den Markt gekommen ist. Arte hat ihn im Anschluss an „Tod in Venedig“ gezeigt. Björn Andrésen, der von Visconti nach langer Suche in verschiedenen Ländern, auch der damaligen Sowjetunion, in Schweden entdeckt wurde, hat die Rolle des Tadzio kein Glück gebracht. 

Im Film nun habe ich gesehen, warum das so gewesen ist. Tadzio wird wie ein Model präsentiert. Seine  Auftritte sind eher statisch, auch wenn er Posen einnehmen muss, die einen Michelangelo entzückt hätten. Selbst in den wenigen Auftritten mit andern Jugendlichen am Strand, wenn er sich balzt oder eine Anweisung zum Bau einer Strandburg gibt, wirkt er eher hölzern. Nur in der Szene, als er glücklich und schön wie ein junger Gott aus dem Meer in die Arme seiner Gouvernante gerannt kommt und mit ihr Fangen spielt, ahnt man das schauspielerische Potential Andrésens, das Visconti aber außer Acht gelassen hat.

In der Doku spricht Andrésen davon, wie er nach der Premiere des Films über Nacht zum Star wurde, den Männer und Frauen ,mit sexuellen Offerten überschüttet haben, mit denen er allein gelassen wurde. Nach einer Pressekonferenz hat ihn Visconti mit in eine Schwulenbar geschleppt, ohne sich anscheinend weiter darum zu kümmern, wie das auf den Jungen wirkt. In einem Interview beteuerte Andrésen, Tadzio wäre kein Trauma für ihn gewesen, aber eine Last. 

Wenn ich mir den Mann anschaue, der jetzt allein in einer verwahrlosten Wohnung in Stockholm lebt, die ihm weggenommen zu werden droht, weil das Ungeziefer und der Gestank die Nachbarn stören, frage ich mich, ob es sich nicht doch um ein Trauma handelt, das er niemals abschütteln konnte.

Dabei hat er viel getan, um Tadzio zu entkommen. Andrésen hat sich immer mehr als Musiker, denn als Schauspieler gesehen. Er wurde in Japan, wohin er sich nach dem Film zurückzog, mit seiner Musik zum Jugendstar, hat später auch in Schweden mit seiner Band Erfolg gehabt und zeitweise ein kleines Theater geleitet. Anscheinend hat das alles nicht bewirkt, aus dem Schatten von Tadzio zu treten.

Als Filmfigur ist er jedenfalls unsterblich, wenigstens so lange es Filme gibt. Der Film ist noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Das sollte Niemand verpassen.